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Interviews

Wir waren mit Marteria und Paul Ripke beim Superbowl und haben über Politik im Sport geredet

"In solchen Zeiten finde ich es geil und total wichtig, wenn Leute ihre Fresse aufmachen" – Marteria.

Andreas Richter

Andreas Richter

Alle Fotos: Paul Ripke

Paul Ripke hat die beiden größten Boybands des Landes fotografiert: Die Toten Hosen und die Fußball-Nationalmannschaft. Dadurch und dank virtuoser Selbstinszenierungstechniken, hat er sich selber gewisse Posterboy-Qualitäten erarbeitet. Marteria ist Marteria. Zusammen sind sie die popkulturellen Statler und Waldorf des Fremdenverkehrs. Ständig unterwegs, ständig auch im Travel-Wettbewerb, jeder neue Stempel im Pass eine Trophäe. Beide auch ausgewiesene Sport-Geeks. Marteria mit Felderfahrung bei F.C. Hansa Rostock und im U17 Kader der Nationalmannschaft. Ripke eher jenseits der Seitenlinie ansässig mit der ratternden Kamera im Anschlag. Kurzum: Das Traumpaar für einen kleinen öffentlichkeitswirksamen Ausflug zum Super Bowl.

Auf dem Weg ins NFL-Finale drehen die beiden selbstverständlich die eine oder andere Aufwärmrunde. Klare Sache, immerhin herrschen hier in Minneapolis, Minnesota Tagestemperaturen um die -20 °C. Für Marten ist das ganze gleichzeitig Sondierungsreise. Im Herbst plant er bereits den nächsten Minnesota-Abstecher, wird dann aber wohl eher Angelruten-schwingend in der Nähe der Great Lakes aufzufinden sein. Die aktuell zu beobachtenden Disziplinen, in denen sich Ripke und Marteria hart battlen, beschränken sich eher auf Fastfood-Eatouts, Schneeballschlachten und Verwertungsduelle auf sämtlichen Social-Media-Plattformen.

Am Abend vor dem Großereignis geht es erst mal Richtung Downtown ins Super Bowl Convention Center, einer Kreuzung aus Merch-Supermarkt, Volksfest und NFL-Erlebnispark. Dringlichstes Anliegen seitens Marteria: Ein Fieldgoal kicken und den einheimischen Lauchs zeigen, wo der Vollspann-Hammer hängt. Jedoch ist die Warteschlange vor den Spielfeldern in der riesigen Halle doch etwas zu lang. Dann doch lieber ein paar Blue-Screen-Fotos schießen lassen, in denen Ripteria lebensecht mitten aufs Spielfeld des U.S. Bank Stadiums geshoppt werden. Perfektes Instagram-Futter. Weiter geht’s ins Target Center, dem Stadion der Minnesota Timberwolves. Die NBA-Lokalmatadore sind seit elf Heimspielen ungeschlagen und sollen heute auch die New Orleans Pelicans vernaschen. Das Spiel profitiert vom Super Bowl-Hype und lockt mehr Promis als üblich in die Halle. In der ersten Reihe kumpelt Sting mit Shaggy. Durch das Halbzeitprogramm stolpert ein wie immer tadellos frisierter, aber ansonsten eher Skill-befreiter G-Eazy. Hoffentlich kein böses Omen für die morgige Halbzeit-Inszenierung.

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Mittlerweile im erforderlichen US-Sports-Vibe schwingend, ist dann doch noch etwas Zeit für Musikgeschichtstourismus. Vor dem Spiel steuern die beiden Paisley Park an, den für Prince erbauten Zehn-Millionen-Komplex, in dem der große Meister und Minneapolis’ berühmtester Sohn musizierte, aufnahm, probte, Videos schnitt, verrückte Inneneinrichtungsfantasien erblühen ließ, Tischtennis spielte, einfach nur feudal abhing und schließlich auch das Zeitliche segnete. Ein beeindruckender Rundgang mit einer großen Einschränkung: Fotografieren verboten. Es dürfte dem zu Lebzeiten schon öffentlichkeitsscheuen Pop-Exzentriker Recht sein, dass Instagram nicht mit Selfies aus seinen Gemächern geflutet wird. In seinen letzten Lebensjahren hatte er sich schließlich selbst aus sämtlichen Social-Media-Künstlerprofilen ausgeloggt. Ripke und Marteria kompensieren ihr Leid über das vereitelte Insta-Story-Footage in einem ausgiebigen Kaufrausch im Fanshop am Ende der Tour.

Schließlich ist der Zeitpunkt gekommen. Musikhistorisch geprimed und fankurvenseitig aufgepeitscht, zücken wir das Aufnahmegerät und holen uns bei Marten und Paul bei einem Filterkaffee im Einwegbecher noch ein paar O-Töne zu diesem Spektakel ab.

Noisey: Nach etlichen gemeinsamen Reisen jetzt also Minneapolis. Wie kommt’s?
Marteria: Wir haben die Chance, den Super Bowl zu gucken. Und die Möglichkeit, ein bisschen Zeit miteinander zu verbringen. So oft sehen wir uns ja gar nicht.
Paul Ripke: Wir stehen beide auf Sport. Versuchen auch immer, uns Spiele anzusehen, wenn wir irgendwo unterwegs sind. Wenn dann so jemand wie DAZN kommt und sagt: Hey, wollt ihr euch zusammen den Super Bowl angucken, dann denken wir da nicht wahnsinnig lange drüber nach.
Marteria: Einen Superbowl zu sehen, steht ja bei vielen Leuten auf der Checkliste ihres Lebens. Und wir können das jetzt abhaken.


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Was steht da bei euch sonst noch so drauf, auf dieser Liste?
Paul Ripke: Hundert Länderpunkte schaffen auf jeden Fall.
Marteria: Das Länderpunkte-Spiel ist bei uns sowieso das wichtigste. Wer schafft es, mehr Länder zu sehen.

Ihr habt dann so Weltkarten, in die ihr Fähnchen reinspießt?
Es gibt Scratchmaps, da rubbelst du die Länder ab.
Paul Ripke: Marten hat Russland noch nicht. Da gibt’s dann irgendwann mal viel zu rubbeln.
Marteria: Deswegen war ich auch noch nicht da. Keine Lust, da zwei Stunden an der Karte rumzurubbeln. Aber ich bin mittlerweile kurz davor. Würde gern Sibirien sehen. Auch die Mongolei. Und ich würde es gern sehen, bevor da irgendwelche Erdgasleitungen durchgeballert werden, die das Ökosystem zerstören. Und es gibt ja auch nicht mehr so viele Orte, an denen man sich als Reisender allein fühlen kann. Nordkanada vielleicht noch, oder ein Teil vom Amazonas. Dieses Gefühl, "Hoppla, hab mir das Bein gebrochen und das nächste Dorf ist 800 km entfernt", bekommt man ja nur noch in wenigen Landstrichen.

Jeder liebt dieses Gefühl ...
Ich finde das wirklich interessant. Auf unseren Reisen waren die Naturerlebnisse immer das Krasseste. Verrückte Orte und die Kultur der Menschen sind natürlich auch geil, aber die Natur kann am meisten beeindrucken.

Zurück zum aktuellen Naturschauspiel: Super Bowl.
Paul Ripke: Das ist das kommerziellste Ereignis der Welt. Ich bin mal gespannt, ob ich es gut oder schlecht finde, dass es dieses ganze Spektakel drumherum gibt und der Sport gar nicht mal im Mittelpunkt steht.
Marteria: Ich frage mich vor allem, wie das wirkt, wenn am Anfang diese Jets über das Stadion düsen, das von einem Glasdach bedeckt ist. Oder Pink. Erst so politisch engagiert mit diesem "Dear Mr. President"-Song. Jetzt singt sie plötzlich die Nationalhymne. Diese Flaggen überall, dieser extreme Patriotismus, das wird schon ein verrückter Moment werden.

Also euch interessiert das Spektakel auch mehr als das Spiel an sich.
Paul Ripke: Bei mir ist das auf jeden Fall so.
Marteria: Man muss sich da ja auch nichts vormachen. Am schlimmsten sind ja auch die Typen, die zwei Mal so ein Spiel gesehen haben und dann plötzlich die großen Football-Experten sind. Die Football-Liga in Deutschland hat 75 Zuschauer oder so. Der Sport ist einfach nicht in der europäischen Sportkultur verwurzelt. Es gibt ein paar amerikanische Mannschaften, die ich supporte, aber ich würde mich niemals Fan nennen. Dazu gehört dann schon etwas mehr.

Was kann Football von Fußball lernen?
Die Footballspieler sind schon gesundheitlich ziemlich am Arsch, sterben früh. Die Spieler in den Tackle-Positionen haben alle Hirnschäden. Die wissen alle, sie werden vielleicht nur sechzig Jahre alt und feiern es trotzdem richtig ab. Das ist schon ganz schön hart. Die Sportarten haben eigentlich auch nichts miteinander gemein, außer das elf gegen elf. Ansonsten ist es was ganz anderes.

Stichwort Halbzeit-Show...
Auf jeden Fall interessant. Justin Timberlake ... Wird ja gerade so ein bisschen gebasht, der Gute.

Was ist deine Meinung zum "Man Of The Woods"?
Ich hab das Album noch nicht gehört. Fand den einen neuen Song ganz OK. Hab nicht ganz verstanden, warum da so viel Hate kam. Der war einfach nur zu lange weg. Der setzt sich ja nicht plötzlich hin und macht uncoole Musik. Der kann sich ja immer noch die krassesten Dudes aussuchen für die Beats und die Songs.
Paul Ripke: Für mich ist "Cry Me A River" einer der wichtigsten Songs der letzten dreißig Jahre. Ich war echt Fan. Aber ich hab ihn mal live in Las Vegas gesehen und das war richtig Scheiße. Wie so eine Country-Revue. Klang Scheiße, hatte keine Eier.

Drei berühmte Söhne der Stadt Minneapolis: Richard Dean Anderson aka MacGyver, Prince und Charles M. Schulz, der Erfinder der Peanuts. Wer hat für euch die größte Bedeutung?
Marteria: MacGyver, ganz klar. Prince natürlich einer der größten Musiker überhaupt, was Skills angeht, aber auch Wahnsinn, Talent und Selbstinszenierung. Wahnsinnstyp, aber wenn es um so ganz große Stars geht, war ich eher Fan von Michael Jackson. Oder Freddie Mercury. Und die Peanuts interessieren mich gar nicht. Hat aber wohl mit meiner Ossi-Vergangenheit zu tun. Das fand bei mir einfach nicht statt. Eher Digedags und Abrafaxe. Aber hallo? MacGyver und Kati Witt? Ist doch schon ne Eins, wenn das dein Mann ist. Hier hast du nen Tampon und ne Glühbirne – bau mir ein Snowboard.

Der Kniefall vieler Spieler während der Nationalhymne als Protestgeste gegen Polizeigewalt an Afroamerikanern war in den letzten Wochen und Monaten ein Streitthema in den Medien. Trump hetzt pausenlos dagegen und will sogar, dass die Vereine die jeweiligen Spieler rausschmeißen. Wie politisch darf oder muss Sport sein?
Paul Ripke: Sport muss politisch sein. Ich bin vor ein paar Jahren nach Amerika gezogen und habe den direkten Vergleich. Ich finde, in Deutschland wird sich im Sport und im Entertainment nicht genug politisch geäußert oder positioniert. Die Amis sind da etwas weiter. Hier am Tisch sitzt ja ein Musiker, der sich zum Glück auch politisch äußert. Aber wenn du dir die ganzen Nasen anguckst, die bei The Voice oder wo auch immer in der Jury sitzen ... Bloß nicht zu irgendetwas äußern, weil man ja irgendwelche Fans verlieren könnte. Ich finde es auch schlimmer, wenn sich jemand gar nicht äußert, als mit einer Meinung, die mir selber vielleicht nicht passt. Dann kann man wenigstens was dagegen machen. Als mir hier am Anfang Trump-Anhänger begegnet sind, habe ich das erstmal nur gehatet. Irgendwann habe ich aber zumindest verstanden, wo das herkommt. Ich finde sie trotzdem noch Scheiße, aber immerhin gibt es ein Gespräch darüber.

Marteria: Wir erleben ja momentan diese kritische Zeit, in der sich mehr Leute als man dachte von Rechtspopulisten angesprochen fühlen. In solchen Zeiten finde ich es geil und total wichtig, wenn Leute ihre Fresse aufmachen und irgendwie frech sind. So jemand wie Monchi [ Anm.: Sänger von Feine Sahne Fischfilet] zum Beispiel. Ich versuche das nach meinen Möglichkeiten, mache den Mund auf, wenn ich eine Meinung habe, habe einen Song auf der Platte, der "Links" heißt. Meine Wunschvorstellung von der Welt ist ja auch, dass jeder mit jedem fickt. Dass es einfach nur Menschen gibt, diese ganze Unterscheidung nach Rassen nervt doch ohne Ende. Das Gleiche mit Religion. In der Grundidee ja ganz gut, um etwas Gemeinschaftliches zu schaffen, aber in der Realität kommt auch nur Scheiße dabei heraus. Wir haben den Vorteil, dass wir schon an vielen verrückten Orten waren, auch in Krisengebieten und wenn du ein Mal in deinem Leben diese Krisen und dieses Leid gesehen hast, dann kannst du einfach nicht mehr in so einer ausgrenzenden AfD-Mentalität denken. Ein anderes Problem: Politisch sein und informiert sein, ist total wichtig. Auf der anderen Seite ist Politik auch einfach nicht cool und viel zu bieder. Deswegen haben viel zu wenig junge Leute Lust, sich damit zu beschäftigen.

Du hattest ja Monchi erwähnt als jemanden, der in seiner Haltung frech ist. Das klingt ja fast schon niedlich und leicht. Tatsächlich ist politische Haltung ja eher ein Kraftakt. Feine Sahne sind ja das beste Beispiel. Ständig der Gegenwind nicht nur von Nazis, sondern auch von Behörden...
Genau das ist das Geile an denen: dass immer auf alles eine Antwort kommt und sie sich nie klein machen. Wieder ein Buttersäure-Angriff, wieder schlagen die Nazis irgendwas kaputt und wieder bauen wir es zusammen wieder auf. Klar kostet das Kraft, du gewinnst daraus aber auch Energie, wenn du siehst, wie sich dann Strukturen vergrößern und der Stein langsam ins Rollen kommt. Bei mir war es ja so, dass ich diese regionale Aufbauarbeit oft unterschätzt habe. Dass wir dann gesagt haben, lass mal nach Afrika gehen und da irgendwas anschieben, kulturelle Projekte unterstützen und so weiter. Das hat uns in der Hinsicht etwas gebracht, dass wir die Welt mit anderen Augen sehen. Trotzdem ist genau dieser Ansatz aber vor der eigenen Haustür genauso wichtig.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Noisey DE.