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Women-Take-Over

10 sexy Videoclips aus der Schweiz, die nicht sexistisch sind

Frauen in Videoclips: Oft einfach nur sich räkelnde Objekte. Diese Schweizer Musikvideos zeigen, wie’s anders geht.

Anna Rosenwasser

Anna Rosenwasser

Alle Fotos Screenshots aus den Videos

Heute ist Weltfrauentag. Noisey überlässt aus diesem Anlass Frauen aus der Musik- und Nightlife-Szene das Wort. Anna Rosenwasser ist Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz und Journalistin.

Da räkelt sie sich "Angelina" aus dem gleichnamigen Clip der Schweizer Combo Dabu Fantastic, die "ihre Hügel" besingen – ja, ich befürchte tatsächlich, dass sie damit Brüste meinen. Ähnlich unangebracht wie diese Metapher ist auch die Präsenz von Frauen in vielen anderen Musikvideos: passiv, genormt, nervig sexistisch. Aber wie denn anders? Wie Körper thematisieren, ohne sie zum Objekt verkommen zu lassen? Wie Aussehen zelebrieren, ohne langweilige Stereotypen zu reproduzieren? Schweizer Bands machen’s vor: von Nacktheit bis Leucht-Zombies, von Samt bis Plastik, von Androgynität bis Drag.

Die junge Bernerin sprengt mit dem Clip zu "The Rebel" mal kurz die Geschlechterkonzepte, als wäre nichts dabei: Anmutige Männer glänzen in Samt und Herzchenbrille. Jessiquoi führt derweil, frei nach Nicki Minaj, ihr eigenes Lächeln ad absurdum. Dazu nehmen ihre Aufmachung und ihre Posen Raum ein: Sie ist die coole Sau, die Tänzer fragile Schönheiten – und genau jene Zerbrechlichkeit wird ebenso als schön dargestellt.

Die Musikerin spricht sich nicht nur lautstark für bessere Vertretung queerer, body-positiver Women of Color (also nicht-weisse Frauen) aus, sondern handelt gleich selbst: Indem sie im Clip zu "Spell" Androgynität abfeiert, das geilste Gold-Beeren-Make-up ever trägt und zeigt, dass Eleganz wie auch Nacktheit nicht ausschliesslich den Dünnen überlassen werden muss. Reiss jemand in diesem Musikvideo die Beine auf, ist das fordernder Tanz. Ausserdem ein Pluspunkt: viel Glitzer.

Die Atmosphäre im Clip von Milena Patagônia ist zuweilen unheimlich, zuweilen erotisch geladen – dann aber, in der Kombination aus Klang, Lichtverhältnissen und zerrissenen Strumpfhosen, wieder abgefuckt. Ein denkbar ungewöhnlicher Kontext, um an der Stange zu tanzen. Am besten ist das Ende des Videoclips: Da folgt der brachiale Kahlschlag.

So geht’s natürlich auch: Der Körper, der im Mittelpunkt steht, ist einfach eine Schaufensterpuppe.

Nicht ausschliesslich schön sein, sondern auch spannend, erschreckend: Evelinn Trouble tanzt in "Touching Air" mal verspielt rum, zerstört einen Bettinhalt, turnt in der U-Bahn – mal monströs geschminkt, mal ungeschminkt. Das klingt nicht bloss banal, sondern ist es. Und doch: Wie viele Videoclips bekannter Musikerinnen zeigen diese ungeschminkt? Wie viele zeigen Musikerinnen ungeschminkt, ohne dass damit etwas Negatives dargestellt wird?

Wer wünscht sich keine futuristischen, zuckenden Licht-Zombies? Eben. Rapperin Big Zis’ Clip zu "Hyphe Myzel Hype" zeigt Haut, aber eher als Rätsel statt als Lösung. Die geilste Idee kommt ganz am Anfang: Da ist Zis’ Gesicht Teil eines Lichtermeers, später überströmen winzige Lichtlein ganze Körper. Definitiv erleuchtend.

Der Clip zu "Enemy" erzählt die Geschichte von Frustration und Stärke, heisst es in der offiziellen Beschreibung. Zugleich erweitert dieses Video das Verständnis von Körpern: Er zeigt Vielfalt und Vereinendes im Gegensatz zu gängigen weissen Standardkörpern. Und er macht sie zu mehr: Aus Rücken, Wange, Ellen werden Feld, Gebirge, Meer.

Wenn darüber diskutiert wird, dass jemand seinen Körper verkauft, ist damit oft einfach Sexarbeit gemeint. Übersehen wird damit jede andere Arbeit, in welcher man Geld für körperliche Arbeit erhält. "Coins" verbindet beides: Die Darstellung von Erschöpfung aufgrund harter körperlicher Arbeit und die konstruierte sexuelle Ekstase von Sexarbeit, der Nachtschicht, der nötigen Wiederauferstehung.

Dieses Filmli wirft mehrheitlich Fragen auf. Zuerst so: Ist das ein Werbefilm für Ferien? Ein Werbefilm für Brüste? Emojis? Nagellack? Dann spucken die Models schleimiges Zeug aus, was das Ganze etwas aus dem Standard löst. Wie sehr der Clip zu "Holiday Tickets" aber Normen durchbricht, kann diskutiert werden: Reicht eine Papaya, die gern auch mal als Vulva-Symbol interpretiert wird? Reicht ein queerer Kuss, wenn er einfach standard-lippenstift-weiblich ist? Und was macht eigentlich die Zucchetti zwischen den Brüsten? Sexistischer heteronormer Einheitsbrei ist der Clip aber sicher nicht – und deshalb hier vertreten.

Ein gutaussehender Tanzlehrer, eine verführerische Dame auf der Bootsfahrt: Die Liebesgeschichte könnte klassisch sein. Sie könnte aber auch davon handeln, dass der Tanzlehrer und die Dame die selbe Person sind, deren Reiz aus dieser Ambivalenz besteht. Drag Queen Milky Diamond zeigt, dass Weiblichkeit weder Grenze noch Geschlecht haben muss.



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