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Justin Pearson ist der eiternde Dorn im Arsch des Establishments

Noisey Specials

von Sibilla Calzolari & Andreas Richter

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Fotos: Sibilla Calzolari

Undergroundkultur, HardcorePunk, Powerviolence und jeglicher musikalischer Lärm wären heute nicht was sie sind, ohne die Einflüsse von Justin Pearson. Beziehungsweise seiner Bands. Also Swing Kids, The Locust, Some Girls, Crimson Curse (u.a.) und aktuell Retox. Das gilt auch für sein Label Three One G, einem Auffangbecken für Acts, die selbst für diese Nischenkultur zu unbequem sind. Das gilt aber auch für seine literarischen Gehversuche oder seine Guerilla-Attacken auf die Mainstreamkultur. J.P. war in den letzten zwanzig Jahren einer der wichtigsten Impulsgeber für die Szene in San Diego. Genau dort trafen wir ihn und fanden heraus, warum jemand, der Songs wie „Pale Pink Vodka Veins“ oder „Cattle Mutilation“ geschrieben hat, eine Yoga-Matte im Kofferraum spazieren fährt.

Noisey: Du bist in Phoenix, Arizona aufgewachsen und hast einmal behauptet, dein ganzes Leben dort zu verbringen, hätte dich zum Junkie werden lassen. Warum?
Justin Pearson: Naja, vielleicht kein Junkie, aber etwas in der Richtung. Vermutlich hätte ich mit Meth angefangen. Ich will auch gar nicht die gesamte Stadt schlecht machen, aber das Leben dort war der absolute Stillstand. Außerdem gibt es dort ein sich durch die Institutionen ziehendes Rassismus-Problem und der einzige Weg, sich bestimmten sozialen Stigmata zu entziehen ist, aus der Stadt zu verschwinden. Ironischerweise wollte ich damals mit zwölf eigentlich gar nicht aus der Stadt raus und sah dann erst mit etwas Abstand, wie tot die Stadt ist. Selbst heute hat der Staat Arizona den Kopf im eigenen Arsch stecken, Dank solcher Leute wie Jan Brewer.

Es heißt, in deiner damaligen Nachbarschaft in Phoenix wohnten auch Leute von Slayer. Wer denn genau? Hast du sie mal getroffen?
Ich lebte in dieser echt merkwürdigen Ecke, genau zwischen zwei Hauptstraßen. Da war eine Menge los, viel Verkehr. Hin und wieder fuhren diese Metaltypen vorbei. Was aus ihrem Autoradio kam, hielt ich für ziemlich coole Musik. Wir sahen uns manchmal, wenn mich meine Mutter zur Schule fuhr. Irgendwann begannen sie mir zuzunicken, wenn wir uns begegneten und ich fühlte mich ihnen irgendwie verbunden. Wir hatten ja einen ganz ähnlichen Musikgeschmack. Später landete ich dann auf dieser Party. Nicht unbedingt bei mir um die Ecke, aber ein paar Straßen weiter. Irgendjemand erzählte mir, dass dort jemand von Slayer wohnen würde. Das ganze war eher Zufall, ich war erst zwölf und hatte dort eigentlich nichts verloren. Als dann Jahre später The Locust mit Fantomas tourten, fragte ich Dave Lombardo, der zu der Zeit in der Band spielte, wer damals in dem Haus wohnte. Er erzählte mir, dass Kerry und Tom dort zusammen gelebt hatten. Es war die Zeit, in der Slayer richtig durchstarteten und ich muss wohl in Kerrys Appartment gewesen sein.

Wie war das für dich als Dave Lombardo dann später deine Band The Locust öffentlich abgefeiert hat?
Das war natürlich eine große Sache. Es ging dabei ja eher um unseren Drummer Gabe. Ich war damals genau so von seinem Spiel beeindruckt. Gabe ist echt der Wahnsinn. Ironischerweise hat es eine Weile gedauert, bis Dave ihn spielen sehen konnte. Ich glaube, es war die letzte Show auf der Tour mit Fantomas, als Dave zum ersten Mal unser Set sah und dann danach in Interviews über uns redete.

Im Alter von zwölf Jahren hast du deinen Vater verloren. Allein das ist natürlich eine unfassbare Tragödie, aber dazu kommt, dass er ermordet wurde. Was ist da genau passiert? Wie greifbar war dieses Ereignis für dich damals?
Er wurde nach einer Auseinandersetzung in einer Bar getötet. Zwei Typen sind ihm nach Haus gefolgt und haben ihn umgebracht. Ich war damals sehr jung, ich weiß gar nicht, wie ich zu dem Zeitpunkt damit umgegangen bin. Damals begann ich, in so eine Art Überlebens-Modus umzuschalten und mich selbst zu erziehen. In den Jahren danach begann ich, das Ganze zu verarbeiten. Ich musste erstmal herausfinden, dass ich so etwas wie eine posttraumatische Belastungsstörung habe. Dazu kommt, dass ich seit meinem fünften Lebensjahr an schwerer Migräne leide. Außerdem litt ich an Alopezie (Haarausfall). Nachdem ich all das über mich wusste, versuchte ich gezielt damit umzugehen. Ich machte alles Mögliche von Yoga und Rolfing Sessions bis zu so profanen Sachen wie Spaziergängen mit meinem Hund. Es ist trotzdem recht schwierig zu erklären, wie sich dieses Ereignis auf mein Leben ausgewirkt hat. Es war ein Teil meines Weges, der mich dorthin geführt hat, wo ich heute bin.

Du hattest insgesamt eine nicht unbedingt entspannte Jugend. Auf der Schule gingen Skinheads auf dich los. Wie bist du mit dieser Situation umgegangen?
Diese Begegnungen mit Skinheads waren eigentlich eher unbedeutend, wenn ich heute darüber nachdenke. Aber ich habe das trotzdem thematisiert, weil diese Erlebnisse, als ich mit 13 mehrfach von einem Neo-Nazi angegriffen und bedroht wurde, beispielhaft für andere Probleme waren. Solche Sachen wie den Kampf zwischen Skinheads und Punks, weit verbreitete rassistische Ideologien oder sogar Klassismus. Und klar hat mir das damals Angst gemacht, aber ich habe auch viel daraus gelernt. Es hat mich smarter gemacht und mir geholfen, mich selbst zu verteidigen. Ich habe mich damals mit dem Konzept von Gewalt auseinander gesetzt. Ich habe aber auch gelernt, wie man solche Trottel überlistet.

Du bist dann 1987 nach San Diego gekommen. Du hast Struggle, deine erste Band, mit 15 gegründet. Wie würdest du deine Jugend in dieser Stadt beschreiben?
Das ist schwer zu beantworten. Ich kann es ja nicht mit dem Leben in einer anderen Stadt vergleichen. Aber ich würde schon sagen, dass die Sachen, die ich damals gemacht habe, ganz gut die Bedingungen dieser Stadt widerspiegeln. Man hatte dieses absurde Bedürfnis, musikalisch und künstlerisch nicht anerkannt zu sein. Das lag vor allem am konservativen und sogar erdrückenden Charakter der Stadt. Dieser Charakter war bestimmt durch die dortige Tourismusindustrie, durch korrupte Politiker und so weiter. Es war damals für mich extrem schwierig, Leute zu finden, mit denen ich mich verbunden fühlte. Aber genau deswegen war der Output der Künstler und Musiker damals so abseitig, obskur und irgendwie weiter als in anderen Städten.  

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