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Warum habe ich solche Angst, dass Kanye West abdreht?

von Toni Lukic

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Das zwischen Kanye West und mir ist eine echte Liebesgeschichte. Anfang 2004, als der Höhepunkt des Rap-Materialismus erreicht war und ich mich als 15-jähriger, politischer Möchtegern-Avantgardist davon langweilte, kam Kanye West mit The College Dropout um die Ecke. Klar gab es auch vorher schon Rap aus dem Mittelstand, aber bei keinem klang das so fresh und gleichzeitig true (das war damals das Vokabular, mit dem ich hantierte). Und er hat das alles selber gemacht. Wow. Ein Jahr später Late Registration—gleiche Geschichte, genauso großartig. Kanye war damals schon riesig, aber eben nur im Rap. Dann kam Graduation, die alles überstrahlende Rap-Oper, die Yeezy zum Louis Vuitton Don verwandelte, zur unüberwindbaren Pop-Ikone und mich endgültig zum Ye-Jünger werden ließ. 

Schon damals fiel Kanye immer wieder mit Eklats auf, tobte, wenn er bei Preisverleihungen übersehen wurde, bezeichnete Bush als Rassisten. Er entwickelte sich zum immer größeren Ego-Arschloch. Was aber okay war. Mr. West war nun Mal der Größte und er wollte es jeden auf der Welt wissen lassen. Das ganze Gerede um ihn ignorierte ich. Solange ich „Flashing Lights“ im Ohr hatte würde mich sowieso nichts von Kanye trennen. 

2007 kam es dann knüppeldick für Herrn West: Seine Verlobte trennte sich von ihm und seine Mutter starb. In diesem mental entrückten Zustand entstand 808s and Heartbreak, Kanyes Auto-Tune-Platte. 

Zum ersten Mal musste ich schlucken. Hat er wirklich auf alles geschissen, und einfach das gemacht, was er wollte? Ja, hat er. Das Album ist immer noch gut geworden, weil es Kanye war. Doch es schrammte nur knapp an einer kompletten Katastrophe vorbei. Ich fing an, mir Sorgen zu machen, vor allem als er auf einmal mit Meister Propper zusammen war. Wird er jetzt komplett größenwahnsinnig und macht Goa auf Bongos, oder sowas?

Zitternd frickelte ich zwei Jahre später die Verpackung von My Beautiful Dark Twisted Fantasy ab, schob die CD in den Laptop und drückte auf Play. 70 Minuten später war ich erleichtert und glücklich. Kanye hatte sich gefangen, er macht wieder perfekte Musik. Auch mit Watch The Throne war ich, im Gegensatz zu vielen anderen, zufrieden. Vor allem hielt er sich aus den Schlagzeilen raus, und begnügte sich damit, mit Jay-Z auf dem Thron zu sitzen. 

Trotzdem blieb ein Unbehagen—wirklich entspannen konnte ich nicht. Wieso eigentlich? Es war doch alles wieder gut. Dann kam Kanye mit Kim Kardashian zusammen, was mich fragen ließ: Wie kann ein so talentierter Typ mit einer ein Kind zeugen, die komplett dulle ist und solche Zeilen bringt: „I buy myself a gift every year, so this year I bought everything I wanted." Gut, mit wem er eine Familie gründet, ist seine Sache, trotzdem erinnerte es mich daran, wie unberechenbar der Typ ist.

Er wird zwar nicht auf der Bühne des Coachellas eine Ziege ficken, aber sooo weit weg davon war sein Auftritt in Abu Dhabi auch nicht. Wie angsteinflößend war das bitte? Ich verstehe den Sinn dahinter nicht, in Abu Dhabi vor einer Schneelandschaft im Yeti-Hannibal-Lecter-Outfit aufzutreten. 

Ich werde das Gefühl nicht los, dass Kanye irgendwann komplett abdreht, sich für Gott hält (wenn er es nicht schon längst tut) und ein Album abliefert, dass mich zum Weinen bringt. Durch das ewige Grenzen-Ausgeteste wird das Genie zwangsläufig mal die Linie zum Wahnsinn überschreiten. Kanyes Gefühle aus Wut und Schmerz haben 808s and Heartbreak  kurz vor dem Abgrund noch am Kragen festgehalten, um nicht in die kollektive Schrulligkeit abzustürzen. Was aber passiert, wenn er keine Schicksalsschläge verarbeiten muss und denkt, das großartigste, revolutionärste Stück Musikgeschichte geschrieben zu haben. Und dann wird es einfach nur Schrott, alle hassen es und Kanye zerbricht daran. Das darf bitte niemals passieren. 

Wahrscheinlich bilde ich mir das alles nur ein. Vielleicht hatte er ja schon sein eines Superstar-Freakout-Album mit 808s and Heartbreak hinter sich. So wie jeder Fan wahrscheinlich auch, habe ich gerade nur Schiss, dass mein Idol irgendwann nicht mehr so großartig sein wird wie früher, dass er das Seltsamkeitslevel von Michael Jackson erreicht. Denn MJ ist der Standard, an dem sich Kanye misst. 

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