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Nicht mal Ebola rechtfertigt die deutsche Version von „Do They Know It’s Christmas“

von Ayke Süthoff

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Dieses Jahr war bisher ziemlich beschissen—der Krieg in Syrien und Irak, der Aufstieg des IS, die körperliche Verfassung von Avicii, die Ukraine-Krise, die russischen Provokationen, Philipp Lahms Rücktritt, Andreas Bourani und die Trennung von Chris Martin und Gwyneth Paltrow. So viel Scheiße, es ist unfassbar.

So ziemlich das Schlimmste, und nun mal kurz alle Ironie beiseite, war allerdings der erneute Ausbruch der Ebola-Epidemie in Westafrika. Das Virus führt uns ziemlich deutlich vor Augen, wie viel in dieser Welt schief läuft. Zum Beispiel wie scheißegal es der westlichen Pharmaindustrie ist, wenn in Afrika 5000 Menschen sterben, aber wie schnell sie reagiert, wenn in den USA ein Amerikaner erkrankt. Aber wir wollen uns nicht allzu sehr über die dem Untergang gewidmete Zukunft der Menschheit aufregen, für subtile politische Nachrichten haben wir ja Marcus Staiger, wir kümmern uns lieber um die beste Ablenkung von allem Übel, die es gibt: Musik.

Kommen wir also zu Campino. Und Clueso. Und Silbermond. Und Max Herre. Und Max Raabe. Und Marteria (warum, Marten, warum?). Und zu Jan Josef Liefers und seiner Ehefrau Dings, Ina Müller, Joy Denalane, den Donots, den Broilers, Peter Maffay, HBlockX, Sportfreunde Stiller, Udo Lindenberg, Cro, Ich von Ich & Ich, Milky Chance, 2Raumwohnung, Michi Beck, Gentleman und Andreas Bourani. Spätestens da schließt sich also der Scheiße-Kreis. All diese Menschen sind in den letzten Tagen zusammengekommen, um noch mal deutlich zu machen, wie schlimm es um 2014 steht. Ihr dachtet, das Jahr wäre bis hierhin schon ziemlich beschissen gewesen? Tja, ihr habt Campinos Neuauflage von „Do They Know it’s Christmas“ noch nicht gehört: 2014 hat soeben offiziell seine Bewerbung für das beschissenste Jahr der Weltgeschichte eingereicht, 1939 kriegt schon kalte Füße. 

Kurz zu den Fakten: Bob Geldof, der schon in den Jahren 1984 und 2004 die Welt mit verschiedenen Versionen des Songs „Do They Know It’s Christmas“ gerettet hat, hat sich gedacht, 2014 wäre es mal wieder Zeit für ihn. Dieses Mal ist das Projekt noch ambitionierter als in den vergangenen drei Jahrzehnten, denn es gibt länderspezifische Versionen. Geldof hat für die deutsche Version seinen alten Kumpel Campino angerufen, der innerhalb von wenigen Tagen die halbe deutsche Musikwelt zusammengetrommelt hat. Zusammen mit Marteria und Thees Uhlmann hatte Campino die deutsche Version getextet.

Noch kann man das Lied nicht hören, aber es ist abzusehen, dass hier eine neue Eskalationsstufe von Scheiße erreicht wird. Dass das Ganze hinter dem Deckmantel des Guten Zwecks versteckt wird, macht die Sache nicht besser. Bob Geldof höchstpersönlich hat verlauten lassen, dass die Leute den Song doch bitte auch dann kaufen sollen, wenn sie ihn nicht mögen, da es ja um Ebola gehe und nicht um Musik. Was verdammt tief blicken lässt.

Fakt ist: Bob Geldof liegt falsch. Wenn es nicht um die Musik geht, sollte niemand diesen beknackten Song kaufen. Er sollte noch nicht mal veröffentlicht werden und vor allem sollte er nicht aus einem falschen Charity-Gedanken in sämtlichen Radios und Shopping-Centern gedudelt werden. Wenn es nicht um die Musik geht, sondern darum, Geld für die Bekämpfung von Ebola zu sammeln, dann sollten wir verdammt noch mal einfach Geld für die Bekämpfung von Ebola spenden. Das geht übrigens hier. Da fließt dann auch kein Geld an iTunes, Amazon, Universal, Campino oder Bod Geldof und ihr müsst dieses furchtbare Lied nicht hören. Es genügt, Geld zu spenden.

2014 ist ja so schon beschissen genug. Danke.


PS: In einem großartigen Artikel für den Telegraph hat die Journalistin Bryony Gordon die einfache Frage gestellt, warum es für die Reichen und Berühmten genügt, ihr Zeit zu spenden, während sie vom Volk erwarten, Geld zu spenden? Also Campino: Kannst du bitte einfach auch was von deiner Kohle spenden? Hier nochmal der Link zu Ärzte ohne Grenzen.  


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