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Musikreviews des Monats mit Bonobo, Megaloh, Kurt Vile, und und und ...

von Noisey Staff

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KURT VILE
DUNGEONESSE
DJ KOZE
GRAVE BABIES


MEGALOH
Endlich Unendlich
Nesola/Universal
Die Stieber-Twins-Hommage im Eröffnungstrack beamt einen direkt zurück in die goldene Ära des deutschen Mittelstandsraps, als Battletracks noch ohne Schimpfwörter auskamen und es egal war, ob Füchse Rudeltiere waren oder nicht, Hauptsache der Rhyme war phat. Megalohs viel gehyptes Debütalbum will ganz unverhohlen an die Zeit vor dem Aggro-Sündenfall anknüpfen und es steht ganz außer Frage, dass er die dazu nötigen Skills besitzt. Aber gerade als man nostalgisch werden will, tauchen Max Herre, Joy Denalane und eine Armee aus schmusigen Backgroundsängerinnen auf und rufen uns schmerzhaft in Erinnerung, vor welchem Hintergrund die primitiven Beleidigungskaskaden von Westberlin Maskulin einst wie eine Erlösung wirken konnten.

MARSHALL MAR
PRINZ PI
Kompass Ohne Norden
Keine Liebe Records
Der Prinz hebt das Coming-of-Age-Album auf ein neues Level. Also, er dreht den Jahresringzähler einfach in Richtung thirty something. Weit weg von den Alltagsnöten der Publika benachbarter Lebensgefühlphrasierer wie Cro (Alltagsnot: Bettnässen) oder Casper (Alltagsnot: Röhrenhose zwickt). Alltagsnot hier: Wie lenke ich am besten davon ab, zu alt für den ganzen Scheiß zu sein? Spricht mir persönlich aus der Seele, aber verkauf das mal an jemanden, für den nostalgisches Schwärmen nicht weiter zurückreicht als bis zur Einführung von Whatsapp. Dazu unfetzig muckernde AOR-Beats zwischen Piano-Schmelz und Konservenorchester. Der eigentlichen Zielgruppe wurde es wahrlich schon leichter gemacht. Könnte man ein MTV Unplugged in der Tropfsteinhöhle mit bespielen. Die Älteren werden sich erinnern. Wenn sie nicht gestorben sind.

WALTER WILLIAM HERBERT


!!!
THR!!!ler
Warp/Rough Trade
In ihrer Post-Myth-Takes-Phase wirkten die drei Ausrufezeichen gelegentlich etwas übermotiviert, wie ein krampfhaft jugendlicher Enddreißiger, der beim Clubbesuch eine Breakdance-Einlage abliefern will, aber im Strobolichtgewitter einen epileptischen Anfall bekommt. Diesmal haben sie sich aber anständig gestretcht und der Hüftschwung sitzt wieder wie in alten Tagen. Und selbst wenn eine Restsorge bleibt, dass der Abend doch noch in der Notaufnahme enden könnte, ist man geneigt, zu applaudieren. Immer noch besser als gar keine Action.

CHK FLCK FCKR
COMA
In Technicolor
Kompakt
Hallo, 2005 hat angerufen, die wollen ihren basslastigen, immer einen Spaltbreit vor der Prolligkeit stehenden, hochgradig eingängigen, aber doch irgendwie ziemlich schnell nervenden Discohouse zurück. Tiga und Colder sollen schon Urheberrechtsansprüche angemeldet haben, und im schlimmsten Fall macht Skrillex noch ein paar Remixe und nennt das dann wieder Dubstep. Obwohl, das ist ja auch tot. Und vielleicht reichen mittlerweile auch acht Jahre, um die Verwurstung alter Beats als Revival oder Neo-Beats zu bezeichnen. Macht ja hier sowieso jeder, was er will.

TRUDE MUSIC
COSMIN TRG
Gordian
50 Weapons
Etwas, wofür einem früher der Klangmeister im Masteringstudio erst mal eine schallende Ohrfeige versetzt hätte, das aber in letzter Zeit Trendausmaße annimmt: Elektronische Produktionen so anlegen, dass sie übersteuert, unbeholfen verzerrt, ja Scheiße klingen. Soll wohl aussagen: Im Gegensatz zum aseptisch-digitalen Sondermüll, den die anderen über der Szene auskippen, ist meine Musik organisch. Was man ja von Scheiße auch behaupten kann. Auch Cosmin springt auf den Zug auf, man höre nur das Samplerülpsen in „Desire is Sovereign“. So viel mehr muss man dann tatsächlich auch nicht mehr hören.

HARALD HAIENT
BONOBO
The North Borders
Ninja Tune
Gut, halten wir fest (und wir dulden an dieser Stelle keinen Widerspruch): Simon Green ist verdammt noch mal ein Genie. Und gleichzeitig ein Lehrbeispiel für alle diejenigen, die durch glückliche Umstände ein gutes Debütalbum veröffentlicht haben, aber mit allem, was danach kommt, ums Verrecken nicht an den ersten Erfolg anknüpfen können. Bonobos Kreativitätsreservat scheint glücklicherweise noch nicht erschöpft zu sein, im Gegenteil: The North Borders vermittelt bei aller cleverer Detailverliebtheit und Dichte eine derartige zurückgelehnte Coolness, dass man vermuten könnte, der Typ nimmt das Zeug im Schlaf auf. Und hat womöglich Album Nummer drei schon auf Halde, aber spart es sich noch ein paar Monate auf, um nicht überheblich zu wirken.

JIM PANSE
DJ KOZE
Amygdala
Pampa
Wenn man mal richtig mies drauf kommen will, muss man sich eigentlich nur die Welt der elektronischen Musik ohne DJ Koze vorstellen. Das ist dann in etwa so grau wie die DDR, nur die Musik ist schlechter. Wenn im wohligen Fieberglühen von Amygdala etwas nicht vorgesehen ist, dann Grau. Ansonsten schreckt es selbst vor der Einbindung grenzwertigster Zutaten nicht zurück, so auch nicht vor den sich in Sprödigkeit sehr nahe stehenden Elementen Maultrommel, Xylophon und Dirk von Lowtzow. Das Letzteren featurnde „Das Wort“ ist dann eigentlich auch die einzige nach einer Instrumentalversion schreiende Zumutung auf dem Album. Der Rest steht da wie ein Zauberwald aus Klang. Man möchte sich am besten pausenlos im Kreis drehen, aus Angst, man könnte hinter sich was verpassen. Letztendlich nicht das Schlechteste für eine Platte, die in gewisser Weise auch zum Tanzen gedacht ist.

EGON KAFFEKRÄNZCHEN


NEGATOR
Gates To The Pantheon
Viva Hate
Negator—der feuchte Traum eines jeden Metal-Onomasten. Seit ich auf Wikipedia den munteren Mitgliederverschleiß der letzten zehn Jahre bestaunte und mich vor allem die Absenz von Unholz, Axtwald und Harlegrim im aktuellen Line-up betroffen machte, überlege ich mir Metal-Pseudonyme. Ich kann mir genau vorstellen, wie im Bandcamp die Auditions ablaufen. Noch bevor da die Schlachtaxt eingestöpselt wird, hast du erst mal einen geilen Namen in den Eichentisch zu ritzen. Ich wette, mit Farnzorn, Asthammer oder Forstbeule hätte ich schon mal einen Pferdefuß in der Tür. Zugegebenermaßen haben Negator in dieser Garnitur noch etwas mehr als sagenhafte Namen, sie haben dieses nicht weniger sagenhafte Album.

RÜBEZAHL
SUICIDAL TENDENCIES
13
Suicidal/Soulfood
6Nach 13 Jahren Pause veröffentlichen Suicidal Tendencies im Jahre 2013 ihr 13. Album. Es enthält 13 Stücke und vermutlich konnten sie sich dann auch recht schnell auf einen Albumtitel einigen. Wenn ich bedenke, dass ich ungefähr 13 war, als ich das letzte Mal eine ST-Platte gekauft habe und sich heute noch ungefähr 13 Leute für diese Band interessieren, dann kann ich vor den Cali-Punk-Dinosauriern nur meinen Hut ziehen: Näher sind sie noch nie an ein Konzeptalbum herangekommen. Selbiges haut heute zwar niemand mehr von den Socken, aber immerhin spielt ihr Gitarrist immer noch mindestens 13 Mal schneller als der Loser von Bad Religion, womit sie zumindest das Duell um den goldenen Rollstuhl des Todes eindeutig für sich entschieden haben. Glückwunsch und auf die nächsten, äh, 13 Jahre.

SICK LICIOUS
NAILS
Abandon All Life
Southern Lord
Anhänger der These, ein Kulturerzeugnis sei doch immer auch ein Produkt seiner Milieubedingungen, werden die Stirn runzeln und sich fragen: So ein ablehnendes Krachgewitter kommt von der Westküste? Wie kann das sein, wenn da immer so schönes Wetter herrscht? Bei genauerer Betrachtung muss die Frage natürlich genau anders lauten: Wie kann man aus Kalifornien kommen und nicht klingen wie ein Maschinengewehr, wenn man glaubt, in einem Romero-Film mitzuspielen, sobald man die Augen öffnet?

JUANE DONES
JELLO BIAFRA AND THE GUANTANAMO SCHOOL
OF MEDICINE

White People and the Damage Done
Alternative Tentacles/Cargo
Jello Biafra, der Typ, der die Dead Kennedys getötet hat und wegen fortgesetzten Betruges vom Gericht dazu verknackt wurde, seinen ehemaligen Mitstreitern 200.000 Dollar zu zahlen, erklärt bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass Nostalgie und Retro-Chic nicht mit seiner Vorstellung von Punk vereinbar sind. Warum aber trotz all der schönen Worte über die Kraft des Neuen und Notwendigkeit der Weiterentwicklung sein neues Album schon wieder so klingt, als hielte ihn die Guantanamo School of Medicine in einem Time Tunnel gefangen, können uns am Ende sicherlich East Bay Ray und Klaus Flouride besser erklären.

DER KLEINE PRINZ PUNK
CHUCKAMUCK
Jiles
Staatsakt/Rough Trade
Chuckamuck klingen wie eine Mischung aus den Black Lips und Rio Reiser, sie singen auf Deutsch über typische Teenagerprobleme (Mädchen, schlechtes Gras, Nonsens, Mädchen) und der Sänger wirkt auf mich wie ein arrogantes Arschloch. Sie haben mit anderen Worten so ziemlich alles, was eine hervorragende Band auszeichnet. Jiles ist in seiner Mischung aus jugendlichem Leichtsinn, roher Energie und völligem Desinteresse so rührend, dass man den kleinen Flegeln am liebsten erst den Hintern versohlen und anschließend eine Liebeserklärung machen möchte. Wenngleich ich vermute, dass sie dieser Tage ziemlich viele Liebeserklärungen bekommen, und ihre Standardantwort darauf in einem feuchten Bierrülpser besteht.

GIANNA BAMBINI
MUDHONEY
Vanishing Point
Sub Pop
Alte Männer, die ihre fünf Minuten vor 25 Jahren so haltlos zelebriert haben, dass die Gläser in den Chronometern gesprungen sind. Mudhoney machen nichts falsch—aber genau das nun schon seit zweieinhalb Jahrzehnten, kicken unbeirrt superfuzzig gegen jede Revision eines völlig von sich vereinnahmten Gedankens. Ganz genau wie Großväter, die darum wissen, dass ihr Erbe so beträchtlich ist, dass man den Tod damit bestechen kann. Ganz genau wie Opis, die überzeugt davon sind, dass sie schon immer Recht hatten. Und vor allem mehr davon als Iggy und Jon Spencer. Ich kenne Typen, die hören hier nicht nur gebannt zu—die glauben das! Geheiligt sei der Sprung in den Uhrengläsern.

EDDIE FETTARSCH

THE BLACK ANGELS
Indigo Meadow
Blue Horizon/Soulfood
Zur vorab veröffentlichten Single „Don’t Play With Guns“ hat Black-Angels-Sänger Alex Maas uns eine Interpretationshilfe zur Hand gegeben. Demnach geht es in dem Song um die Idee der Nation, mit der es sich ähnlich verhalten würde wie mit einer schönen Frau: verführerisch, aber gefährlich. Folgt man dieser Analogie, drängen sich allerhand hochrelevante Fragen auf, zum Beispiel: Brauchen wir staatliche Aussteigerprogramme für Männer mit attraktiven Ehefrauen? Soll ich für den 1. Mai ein „No Border, No Woman“-Banner malen? Und vor allem: Ist Alex Maas ein kompletter Vollidiot? Zwar zeigt uns ein Blick in die Geschichte des Heavy Rock, dass man kein intellektueller Riese sein muss, um in diesem Genre Großes zu vollbringen. Aber umgekehrt wird man durch ein vom Opium zerfressenes Gehirn eben auch nicht automatisch zum nächsten Ozzy Osbourne. Wäre ja noch schöner.

14TH FLOOR STAIRCASE


KURT VILE
Wakin On A Pretty Daze
Matador Records
Hören wir doch mal genauer hin: „Day dreamin’, thru the dark days/Club Mate, on holiday, with the Moon Duo“. Obwohl ausschließlich overseas aufgenommen, haben wir es hier wohl mit Viles Berlin-Album zumindest im Mate-Saft schwimmenden Geiste zu tun. Dauerhigh auf Kreuzbergs Touri-Muttermilch mag er sich auch noch mal extra locker gemacht haben, denn wie sonst ist es zu erklären, dass hier gelegentlich die Synth-Wolldecke ausgerollt wird? Vile dürfte da auch nicht mehr runterkommen. Sollte Neil Young urplötzlich und ganz Papst-mäßig in Rente gehen, die Thronfolge wäre nach diesem Album hier so unanfechtbar und konkurrenzlos wie nie.

MATE MATIK
GRAVE BABIES
Crusher
Hardly Art
Gleichermaßen zusammengezitterte Logofonts und E-Gitarrengriffe sollen hier wohl auf Metaleinflüsse hindeuten, dabei klingt Crusher nach genau den Gründen, warum Blessure Grave und Former Ghosts längst auf dem Friedhof der Musikgeschichte modern: Es wurde halt Zeit. Danny Wahlfeldt, Leiermeister des Projekts, kommt zu dem durchaus nachvollziehbaren Schluss, mit dem ganzen gegenwärtigen angegothten LoFi-Gelumpe nichts zu tun haben und sich stattdessen in die Spur von Nirvana und NIN begeben zu wollen. Gut möglich, dass die Eingebung aber so lange auf sich warten ließ, bis er sein eigenes Werk kontrollhörte. Smells like Totgeburt.

DAVE GROWL
WIRE
Change Becomes Us
Pink Flag/Cargo
Live machten Wire zuletzt ein etwas schwächelnden Eindruck, aber im Studio gelang ihnen bei den Aufnahmen zum 13. Album ihrer Karriere erneut mehr als 99 Prozent aller wiedervereinigten Bands. Irgendwie ist es der Band, insbesondere Sänger und Gitarrist Colin Newman gelungen, den Kern ihres Schaffens zu bewahren—eine rätselhafte Entrücktheit mit der klaren Eleganz einer Ballard-Novelle. Natürlich, was auf alten Punk-Compilations noch, um das Mode-Diskurs-Wort „alienated“ zu vermeiden, extrem weit draußen oder auch außerirdisch wirkte, geht heute als gefällig, schlimmstenfalls milde versponnen durch. Aber das juckt auch nur die Geschichtsschreiber.

BRUCE GILBERT WAS A FRIEND OF MINE
DUNGEONESSE
s/t
Secretly Canadian
In den frühen 90ern wurden auf einer popeligen schottischen Insel eine Million Pfund und gleichwohl eine Ära abgefackelt—den ausgedünnten Rauch des Spektakels will euch hier nun jemand in einer Konservendose andrehen. Dieses Produkt ist natürlich von Grund auf falsch. Klar, wer sich von der völlig bekloppten Tagline haschen lässt, dass dieses „im zunehmend mechanisierten Prozess der Musikschöpfung“ ausgewalzte Dünnblech „die hübsche Unperfektheit der menschlichen Stimme“ wirklich voll erklingen ließe, zweifelt auch nicht daran, dass The Writing’s on the Wall die Zehn Gebote des R’n’B sind—uns es steht wohl tatsächlich zu befürchten: Diese Zielgruppe, es gibt sie tatsächlich. Aber das seid ihr ja nicht. ODER???

MORE HEADROOM
OKTA LOGUE
Tales Of Transit City
Columbia/Sony
Bei fast jeder anderen Platte, die nach Soundtrack zu einem Californication-Staffelfinale klingt, also nach Prog-Gemuckel für Harley-Davidson-Fahrer meets Liebeskummer-Songs für Erwachsene, bei fast jeder anderen Platte dieser Art dürfte man maximal sechs Gnadenpunkte vergeben, selbst bei auffällig guten Exemplaren, weil diese Nummer eben einfach durch ist. Okta Logue hingegen ziehen diese Masche nicht nur außerordentlich super durch, sondern kommen auch noch aus dem hessischen Hinterland, bekommen also gewissermaßen Bonuspunkte für aus musiksozial schwachen Gegenden stammende Kinder. Und davon mindestens zwei. Unter der Voraussetzung, dass mit Transit City nicht Frankfurt gemeint ist. Das wäre zu viel des Schlimmen.

ATTICUS FETZ
 
DANIEL JOHNSTON
Space Ducks
Feraltone
Wenn sich Daniel Johnston mit Space Ducks eher altersungerechte Helden für seine erste Comic-Veröffentlichung und den angegliederten Soundtrack aussucht, dann liegt der Fall erst mal ganz anders als zum Beispiel bei Madonna, die ein Kinderbuch „schreibt“ und man reflexartig jegliche Fortpflanzung ausschließt, aus Angst, etwaiger Nachwuchs könnte mit diesem Schund in Berührung kommen. Johnstons Output hat ja sowieso oft etwas von einem milchzahnlos-kindlichen Geist im schwer kontrollierbaren Körper eines Mittfünfzigers. Das Projekt kann also nur funktionieren. Neue Kompositionen des Meisters, darunter gleich zu Anfang so eine Art Duck Tales-Theme in real, mischen sich mit Beiträgen von Gästen wie z. B. Jake Bugg, der zwar nicht das Ententhema aufgreift, aber zumindest so klingt wie eine. Trotz solcher Ausfälle ist das hier lohnenswerter als die Anschaffung des nächsten Lustigen Taschenbuches.

DANIEL DÜSENTRIEBTÄTER
THEY MIGHT BE GIANTS
Nanobots
Lojinx
Was unsere Eltern wohl als „irgendwie schräg“ oder sogar „ganz schön pfiffig“ bezeichnen würden, mal abgesehen von scharfen Soßen oder Fashion-Blogs: diese Platte. Eine Band, die seit 30 Jahren im Prinzip immer wieder das Gleiche macht—Nerd-Rock, also eher kurze Songs, die primär auf Schrulligkeiten basieren—muss aber, andererseits, auch damit klarkommen, dass man 30 Jahre alte Begriffe zur Bezeichnung ihres Sounds verwendet. Wären wir unsere Eltern, würden wir Nanobots vielleicht sogar hörbar finden. Oder wenigstens schräg.

FRÄULEIN OPHELIA
COLD WAR KIDS
Dear Miss Lonelyhearts
Downtown/Cooperative Music
Die Cold War Kids haben tatsächlich das Kunststück vollbracht, seit ihrem gelungenen Debütalbum mit jedem Release ein kleines Stückchen armseliger zu werden. Diesmal haben sie sogar den ehemaligen Gitarristen von Modest Mouse (!) in die Band geholt und dann klingen sie trotzdem noch wie eine Mischung aus U2 und einer Christian-Rock-Kapelle. Das muss man erst mal hinkriegen. Irgendwie ist es mit ihrer Karriere wie mit einer alten gebrechlichen Frau, die versucht, eine Kellertreppe hinabzusteigen: Es geht in Zeitlupe abwärts, aber trotzdem rechnet man bei jedem Schritt mit dem Schlimmsten.

DERP O’CONNOR

THE GROWLERS
Hung At Heart
Fat Cat Records
Was viele nicht wissen: Die Eltern von The Black Keys und The Walkmen hatten in den 60ern so ein Surf/Psych/Folk-Ding namens The Growlers, produziert von (einem zugegeben-ermaßen sehr jungen) Vincent Gallo. The Growlers wiederum waren Vorbild für Marvin Berry and The Starlighters, die Band aus Zurück in die Zukunft, innerhalb der Marty McFly bei „Earth Angel“ seine Bluesrock-Gitarrenkünste demonstriert. All das wissen viele nicht, weil es gerade von mir erfunden wurde. Aber es KÖNNTE sein!

CURTIS WILLIAMS
SØLYST
Lead
Bureau B/Indigo
Ein paar kurze Ausschnitte reichen, um zu erkennen, dass es sich bei Lead um das Werk eines Schlagzeugers auf Abwegen handelt. Das ist in jeder Minute spürbar und manifestiert sich nicht zuletzt in einer entsprechenden Vielfalt von rhythmischer, perkussiver Eigenheit. Auf dem Nachfolger seines Sølyst-Debüts von 2011 lässt Thomas Klein eine Art von stoischer Spannung vorherrschen—im Gesamtbild gleichzeitig unaufgeregt, aber dennoch extrem angespannt, ja, drängend. Klingt so paradox wie gut, und ist aber auch wirklich so. Über 16 Jahre spielte er für Kreidler „nur“ Schlagzeug—hätten die von seinem wahren Talent gewusst …

COZY „BONZO“ WARD

FLAMING LIPS
The Terror
Bella Union/Cooperative Music
Die Zeiten, in denen uns Flaming-Lips-Alben in einem sprudelnden Meer aus Liebe, Konfetti und pinken Robotern ertränkten, sind definitiv vorbei. The Terror klingt eher, als ob Wayne Coyne sich mit angeritzten Pulsadern in eine eiskalte Badewanne gelegt hätte und nun noch einmal die letzten 30 Jahre Bandgeschichte Revue passieren lässt, während er langsam das Bewusstsein verliert. Erst nach mehrmaligem Hören schälen sich vertrackte Songstrukturen aus dem dichten Reverb-Nebel heraus, aber gleichzeitig birgt jeder zusätzliche Durchlauf das Risiko, dich endgültig in ein weinerliches Häufchen Elend zu verwandeln. Laut Coyne sind die Abgründe der Drogensucht das Leitmotiv dieses Albums und ich beginne zu ahnen, was er damit meinen könnte: Einmal hör ich’s noch, aber dann ist endgültig Schluss mit dem Scheiß.

PURPLE HAYS

 

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