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Leslie Clio ist ja mehr so Straßenecke

von Sascha Wieland, Fotos: Nikita Kakowsi

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Zum Testen des Aufnahmegeräts, rappt Leslie Clio locker aus dem Stand ein paar Zeilen von Lauryn Hills „Final Hour”. Sie ist mit Black Music aufgewachsen, hört Etta James, Erykah Badu, Stevie Wonder und Marvin Gaye und das klingt auch in ihrer Stimme durch. Ihr Album Gladys, das sie selbst als triefende Mousse au Chocolat mit spritziger Ananas bezeichnet, ist ein wunderschönes und rundes Pop-Album. Das könnte man ihr natürlich auch vorwerfen, zu glatt, zu wenig Ausbrüche aus dem Pop-Kosmos. Doch genau das ist das Konzept hinter Gladys, das sie sich zusammen mit Nikolai Potthoff, Bassist der Band Tomte, ausgedacht hat. Ihr Album ist eine Mischung aus Süßigkeitenladen und Obststand, viele schöne, bunte Bonbons und trotzdem reichhaltig an gesunden Inhaltsstoffen, in Form von Gefühlen, die wir alle haben und zum Leben brauchen.

Noisey: Wer glaubst du, ist die Zielgruppe von Gladys?
Leslie: Ich habe festgestellt, dass viele junge Mädels vorne stehen. Das kann sich natürlich schlagartig ändern.

Hast du dir das beim Musikmachen gedacht?
Nee, ich habe an gar nichts gedacht, nur an mich. Da bin ich ganz ehrlich, ich habe weder daran gedacht, wo die Reise hingeht, noch wen es interessieren könnte und auch nicht, wem ich gefallen will.

Also hast du die Musik einfach nur so gemacht, wie sie dir gefällt?
Ja, auf jeden Fall.

Wie haben du und Nikolai Potthoff, mit dem du das Album gemacht hast, zusammengefunden?
Ich habe einer Freundin von mir ein paar Sachen gegeben, ein paar alte Lieder, die ich selber geschrieben und aufgenommen habe. Die hat diese Lieder dann Nikolai gezeigt, der hat sie sich wohl so zwei, drei Wochen am Stück reingezogen. Er hatte gerade ein bisschen Liebeskummer und das war seine Trostmusik. Er hat dann angerufen, weil er mich kennenlernen wollte und wir haben uns bei ihm im Studio getroffen. Er hat mir „Told You So” vorgespielt, ich habe das mit nach Hause genommen, den Text drauf geschrieben, am nächsten Tag eingesungen und dann war es da. Dann haben wir uns gedacht, lass mal ein Album machen.

Glaubst du deine Musik könnte auch auf Deutsch funktionieren?
Sicher nicht. (Singt) Ich sags dir so, ich sags dir so... Aber vielleicht sollte ich es auf Französisch übersetzen, um wegen der Quote bessere Chancen auf dem französischen Markt zu haben.

Du schreibst ja nicht nur deine Texte selbst, sondern entwickelst auch die Gesangsmelodien.
Ohh!

Ein guter Text macht ja noch kein gutes Lied. Es gibt ja auch Leute, die können gute Texte schreiben, aber nicht mehr.
Ich kann mehr. Also die Texte sind zu 100 Prozent von mir und die Gesangsmelodien auch fast alle. Meistens haben wir Songs fertig gemacht und dann hat uns der letzte Twist gefehlt. Zum Beispiel fehlt mal ein B Chorus. Dann haben wir Leute gefragt: Was denkst du denn darüber? Manchmal steckt man selbst zu tief drin, für Außenstehende ist es dann aber ganz klar. Dadurch sind die Co-Writings entstanden, weil jemand drittes dann einfach die Lösung gesehen hat.

Würdest du sagen, du hast deinen Style gefunden?
Das ist ein gute Frage. Das weiß man nie. Ich bin ein ziemliche rastloser Typ und Phasen-Mensch, so heute hier, morgen da. Kann sein, dass ich nächstes Jahr nur noch Ethno-Klamotten anziehe und anfangen zu jodeln. (lacht)

Man entwickelt sich ja und als Künstler kann man das schön von Platte zu Platte machen. Meine zweite Platte wird auf jeden Fall nicht so klingen wie Gladys. Man wird mich erkennen und man wird den Gesang erkennen. Mein Gesangsstil, das bin ja ich. Ein stringente Linie wird immer da sein, aber trotzdem wird mein nächstes Album anders klingen als das jetzt.

Ich habe den Eindruck gewonnen, du hast ein rundes Album gemacht, aber es vermittelt zumindest mir das Gefühl, dass du dir nicht ganz sicher bist mit dem Style.
Wenn man das hört, entspricht das auch der Wahrheit. Ich wusste ja nicht, was das alles wird, ob es überhaupt jemanden interessiert, ob ich einen Plattenvertrag bekomme und ob es so gut ankommt. Das ist ja auch nicht zu 100 Prozent mein Werk, es ist ja eine Zusammenarbeit mit dem Produzenten, der auch seinen wesentlichen Anteil daran hat. Es sind auch nicht alle Facetten von mir abgedeckt. Ich komme ja eigentlich vom klassischen Soul, sehr viel Jazz, sehr viel Blues, afrikanische Musik, Swing. Das findet auf dem Album ja alles nur durch mich statt, aber nicht musikalisch. Insofern ist das in der Zukunft auch offen.

Konntest du dich auf diesem Album also nicht ganz ausleben?
Nee, das gar nicht. Wir haben uns halt kennengelernt, „Told You So” zusammen gemacht und das Projekt gestartet, einen Platte zu machen, die genau so klingt, Soul-Pop. Sprich, Retro mit Soul, viele Trommeln, viel Hall, aber natürlich sollte es auch einen Twist geben. Deshalb ja auch die Trip-Hop Elemente, viel Dunkelheit, ein bisschen kantig und rough produziert, nicht aalglatt, aber trotzdem klassische Pop-Arrangements. Das war das Projekt und das Ziel haben wir hoffentlich auch erreicht. Dass dadurch nicht alles umgesetzt wird und ich nicht alle Facetten zeige, ist auch eine Frage des Gesamtkonzepts. Kann sein, dass mein nächstes Album Miriam heißt und afrikanisch ist. Es ist ja auch das erste Album, es wäre ja auch Quatsch da alles unterzubringen.

Könntest du dir also auch vorstellen, ein reines Soulalbum zu machen?
Im Moment nicht.

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