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Kavinsky hasst fröhliche Menschen

von Viola Funk

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Auf allen Fotos, die du von Kavinsky finden kannst, steht in seiner unmittelbarer Nähe ein Ferrari Testarossa, er trägt eine Sonnenbrille, eine coole Collegejacke und blickt finster. Das liegt nicht etwa daran, dass Vincent Belorgey, der Mann hinter Kavinsky, ein unglückliches arrogantes Arschloch ist, sondern rührt daher, dass seine Gestalt einen 18-jährigen Zombie verkörpern soll, der 1986 in seinem Testarossa ums Leben gekommen ist und seither sein musikalisches Unwesen treibt. Dazu gehören zum Beispiel zwei EPs, die er seit 2006 rausgebracht hat, diverse Remixe für SebastiAn oder Sebastien Tellier und der Eröffnungstrack „Nightcall“ vom Drive-Soundtrack 2011. Am Freitag veröffentlicht der französische Zombie nun sein Debütalbum OutRun bei Universal. Ein bisschen enttäuscht waren wir schon, als wir beim Interview keinen roten Flitzer antreffen konnten, aber immerhin trug er eine coole Lederjacke und erzählte uns, dass er fröhliche Musik und fröhliche Menschen hasst. So ein Zombie kommt ja schließlich nicht aus dem Nichts.

Noisey: Du hast dir zum einen den Charakter eines toten 18-jährigen Zombie erschaffen, zum anderen gibt es aber auch diese echte Kavinsky-Erscheinung, der den Testarossa fährt, immer diese Jacke trägt und ein supercooler Typ ist. Ist diese Rolle auch der echte Vincent?
Kavinsky: Das ist vielleicht eher der Typ, der ich gerne wäre. Wie kann ich das am besten sagen? Ja doch, im Prinzip ist das der Typ, der ich gerne wäre, auch weil er schon tot ist. Du kannst nicht zweimal sterben, deswegen kann er alles machen, was er will, zum Beispiel schnell fahren. Aber das bin nicht ich, wie du sehen kannst. Ich lebe noch und rede mit dir. Ein Zombie kann nicht sprechen, außer vielleicht so ... (er macht seltsame Geräusche).

Kannst du dich daran erinnern, wie du mit 18 warst? Wenn du damals ein Zombie geworden wärst, würdest du dasselbe tun wie dein Kavinsky-Alter-Ego und Musik machen?
Ich war sehr dumm mit 18. Wenn man so jung ist, macht man dumme Sachen. Aber ich würde nicht dasselbe machen. Ich habe erst vor 8 Jahren angefangen, Musik zu machen. Was würde ich denn tun? Ich weiß es nicht. Ich wäre einfach zur Schule gegangen und hätte nichts gemacht, vielleicht Sport treiben und Musik hören, aber nichts spezielles. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr. Ich bin jetzt 37 Jahre alt und das ist schon so lange her.

Hast du den Charakter erst erschaffen, nachdem du mit der Musik angefangen hast?
Nein, das war zeitgleich. Ich habe ihn auch erschaffen, um Musik machen zu können.

Also brauchst du ihn zwingend, um Musik zu machen?
Ja! Ich brauche einen Charakter, um Musik machen zu können. Einfach so Musik zu machen, ist für mich Nonsens. Ich sehe mich selbst nicht als Musiker, weil ich kein Instrument spielen kann. Ich kann gar nichts. Deswegen mache ich die Musik selbst, nur mit zwei Fingern. Und deswegen habe ich auch diesen Charakter kreiert, damit ich einer Linie folgen kann. Ich will, dass meine Musik wie ein Soundtrack klingt, und nicht wie ein gewöhnliches Elektroalbum. Es ist ja auch kein Album, das man in Clubs spielen würde. Es hat definitiv einen filmischen Anklang. Und um so cineastische Bilder zu erzeugen, brauche ich wiederum Bilder in meinem Kopf. Und deswegen habe ich das Projekt so gestaltet.

Und wie sieht es dann mit einen echten Soundtrack für einen Film aus?
Das will ich unbedingt machen. Ich habe auch schon ein paar Pläne. Ja, das wäre cool. Ich würde das auch wirklich gerne machen.

Warum ist der arme Junge denn eigentlich im Jahr 1986 gestorben? Gibt es einen besonderen Grund?
Nein, nichts spezielles. Ich mochte einfach die Zahlen. Das war es. 1986 war kein besonderes Jahr.

Wer war dein Held in der Kindheit?
Meine Helden waren die Goonies, Elliott aus E.T., Spiderman, solche Typen, oder Magnum, der Typ aus der TV-Show, und Don Johnson aus Miami Vice.

Und jetzt?
Immer noch dieselben (lacht). Ich habe eigentlich keine Helden, außer Spiderman. Ich sammle Spiderman Comics. Ich war schon von klein auf ein großer Comicfan. Ich lese auch keine Bücher. Auf keinen Fall, nicht wenn keine Bilder darin sind. Ich lese nur Comics.

Kannst du dich noch daran erinnern, als du das erste Mal Drive gesehen hast?
Ja. Als meine Musik für den Film ausgewählt wurde, war ich sehr glücklich. Aber ich wusste nicht an welcher Stelle mein Lied in dem Film gespielt wird. Ich bin ins Kino gekommen und habe nur darauf gewartet, dass das Lied kommt. Ich musste den Film ein zweites Mal anschauen, damit ich überhaupt was vom Film mitbekomme. Beim ersten Mal habe ich nur gewartet. Ich war dann auch so überrascht, dass es in der Eröffnungsszene zu hören war. Ich saß wie ein Kind da und hab mich gefreut und „Yes“ gerufen.

Ich kann mich noch sehr gut an die hässliche Jacke erinnern, die Ryan Gosling trägt.
Ein paar Freunde von mir haben mir die Jacke gekauft und wollten, dass ich sie trage. Aber ich trage sie nicht. Ich mag sie nicht besonders.

Sie ist auch wirklich unfassbar hässlich.
(lacht) Ja, aber sie passt ganz gut zu dem Charakter von Ryan Gosling. Ich finde sie cool. Das funktioniert super bei der Rolle. Ich würde sie nie im echten Leben tragen, aber in den Film hat sie gut gepasst. Aber sie ist definitiv hässlich.

Was für ein Auto fährst du?
Ich habe kein Auto, weil ich in Paris wohne und in Paris kannst du kein Auto fahren. Ich liebe Auto fahren, aber in Paris ist ständig jemand vor und hinter dir. Und die ganzen roten Ampeln. Also fahre ich nicht in Paris.

Was hörst du für Musik im Auto? Hörst du deine Musik?
Nein, nein, nein. Ich höre meine eigene Musik nicht. Ich will auch keine Leute kennenlernen, die sowas machen. Ich finde es schrecklich, wenn man seine eigene Musik hört. Man muss schon ein riesiges Arschloch sein, wenn man das tut. Oder nicht? Ich habe auch keine Freunde, die sich ihre eigene Musik anhören. Aber ich liebe es, Musik im Auto zu hören. Ich finde, das ist der beste Ort, um Musik zu hören.

Findest du, deine Musik ist gute Automusik?
Ja, sie ist Automusik, jetzt nicht wegen Drive, aber sie ist Musik zum Autofahren, ob schnell oder langsam.

Brauchst du keinen Text zum Mitsingen?
Doch, ich singe schon, aber nur wenn ich alleine bin. Ich bin wirklich kein guter Sänger, wie du auf Nightcall hören kannst (er macht wieder Zombiegeräusche). Aber ich singe nicht so viel, ich summe eher. Ich kann gut pfeifen. (Er fängt an zu pfeifen.)

Kannst du mir etwas über die Features auf OutRun erzählen?
Es gibt eigentlich gar nicht so viele. Es gibt natürlich „Nightcall“ mit Lovefoxxx. Dann gibt es noch ein Feature, das auch die nächste Single wird. Das heißt „Odd Look“. Und SebastiAn, der Produzent und mein guter Freund, singt darauf, aber es ist kein wirkliches Singen. Es ist mehr so ein Grummeln. Das ist so ein Englisch, wenn man die Worte nicht wirklich kennt oder als kleines Kind versucht mitzusingen oder den Titelsong der Lieblingsserie summt. Aber du weiß nicht wirklich, wie die Worte eigentlich lauten und du kannst auch kein Englisch. So singt er auf dem Track. Und dann habe ich noch einen Typen von Mobb Deep mit drauf, einen Rapper. Um genau zu sein hat Havoc daran gearbeitet. Und dann ist da noch Tyson. Ich habe immer gesagt, dass er zwischen Tina Turner und Janet Jackson ist, so in der Mitte.

Das ist aber schon ein Typ?
Ja, er ist ein Typ. Aber seine Stimme ist zwischen Tina Turner und Janet Jackson. Du kannst ihn auf „Fast Blood“ hören. Ich glaube, das war's.

Und SebastiAN ist ein guter Freund von dir. Woher kennt ihr euch?
Wir haben uns 2004 oder 2005 in Paris kennengelernt. Er hatte gerade seine ersten EP releast. Ich glaube, wir haben uns in Wirklichkeit auf MySpace kennengelernt. Das klingt jetzt wie Dreck, aber damals war das noch schön. Ich habe zu der Zeit ganz viele Freunde auf MySpace kennengelernt, auch seinen Produzenten Pedro Winter. Es klingt komisch, aber es war tatsächlich so. Ich habe ihm eine Nachricht geschrieben. Ich erinnere mich noch, dass ich geschrieben habe: „Wow, ich habe gerade deinen neuen Remix gehört und das ist keine Musik für White Rasta.“ Das war die Nachricht. Kennst du White Rasta? Er fand es ziemlich lustig und so haben wir uns kennengelernt. Dann waren wir in einer Bar oder so. Jetzt hält die Freundschaft schon ziemlich lange. Man könnte also sagen, MySpace UND die Bar.

Ist es wahr, dass du fröhliche Musik hasst?
Ja, das ist wahr. Du hast ja wahrscheinlich schon gemerkt, dass mein Album sehr traurig ist, jedenfalls ein bisschen. Ich mag fröhliche Musik einfach nicht. Ich bin ein glücklicher Mann, aber ich bin nicht gerne zu so einer Musik fröhlich. Ich bin glücklich, wenn ich traurige Musik höre.

Hasst du auch fröhliche Menschen?
Ja, vielleicht schon. (Lacht) Kennst du diese Leute, die immer laut und fröhlich sind? Oder Leute, die auf Ecstasy sind und jeden Tag ganz toll finden. Das mag ich nicht. Ich stehe mehr auf verstörte Leute, ein bisschen irre Leute, die beide Seiten haben, eine dunkle und eine fröhliche Seite.

Sebastien Tellier hat in einem Noisey-Interview mal gesagt, dass jeder französische Künstler von Serge Gainsbourg beeinflusst ist.
Oh ja. Das denke ich auch. Ich denke, wir sind alle von ihm beeinflusst, zwar nicht speziell meine Musik. Aber man bekommt doch viel Serge von zu Hause eingeflößt. Er ist der Master. Ich liebe ihn als Musiker.

Wenn nicht deine Musik, was ist dann von ihm beeinflusst?
Meine Musik hat er nicht beeinflusst. Ich liebe es einfach, mir seine Musik zu Hause anzuhören. Aber ich kann nicht sagen, dass es einen Serge-Einfluss in meiner Musik gibt. Ich kann nicht mal an eine winzige Stelle denken. Ich habe wirklich viele Einflüsse, aber nicht Serge. Das wäre ein bisschen anmaßend, das jetzt zu behaupten. Ich denke auch nicht an ihn, wenn ich meine Musik mache. Wahrscheinlich ist es auch eher ein Klischee, dass jeder Künstler von Serge beeinflusst ist. Ich meine, Sebastien Tellier macht Pianomusik und singt dazu, er könnte definitiv von ihm beeinflusst sein. Aber ich mache ja coole Musik mit Synthesizern und so. Da passt Serge nicht rein.

Ich habe gelesen, dass du früher ein guter Dieb warst.
Ja, wir hatten nicht so viel Geld. Meine Eltern waren nicht reich. Ich wollte immer so viel Musik und so viele CDs haben. Deswegen habe ich sie immer geklaut. Das macht doch jeder. Ich dachte mir eben immer „Das brauche ich dringend. Nimm es mit“. Also habe ich es mitgenommen. Es war, als ob jemand in dir drin steckte. Ich konnte ganz alleine 13 CDs mitnehmen. Ich hatte eine spezielle Jacke mit versteckten Taschen hier vorne, damit man nicht sehen konnte, was drinnen war. Ich kann dir alle meine Tricks zeigen, wenn du willst. Nee, nee. Das solltest du nicht machen. Ich war ein sehr böser Junge.

Dann wissen wir ja jetzt auch, was dein 18-jähriger Zombie jetzt noch machen würde.
Ja, vielleicht.

 

Kavinsky's OutRun erscheint am 22. Februar bei Mercury/Universal. Ihr könnt es bei Amazon oder iTunes vorbestellen. 

UPDATE: Wir verlosen zwei Exemplare von OutRun, schreibt eine Mail mit dem Betreff "Kavinsky" an win-de@vice.com. Viel Glück!

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