Noisey Blog

Gegen das Vergessen—gegen die Überflüssigkeit

Staiger vs das Elend der modernen Welt

von Marcus Staiger

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Nun ist es also wieder stiller geworden in der Türkei und wie man in den Medien lesen kann, denkt die EU sogar darüber nach, eine neue Runde der Beitrittsverhandlungen einzuläuten. Angesicht der rücksichtlosen Polizeigewalt der letzten Wochen zwar erst im Herbst und nicht schon in der nächsten Woche, aber immerhin noch in diesem Jahr. Bis dahin werden wir die Bilder der prügelnden Polizisten, der Wasserwerfer und der Tränengasschwaden längst vergessen haben und die islamischen Fundamentalisten Gül und Erdogan werden ein Zeugnis als lupenreine Demokraten ausgestellt bekommen.

Warum auch nicht? Das neoliberale Europa braucht die Türkei als Brückenkopf zur arabischen Welt und vor allem braucht die NATO die Türkei als Brückenkopf zur islamischen Welt. Dass dabei ein bisschen autoritär durchgegriffen wird? Hey, ein bisschen Schwund ist immer und hatte die NATO jemals Probleme mit irgendwelchen Diktatoren, solange sie nicht auf der anderen Seite gestanden haben? Hatte der Kapitalismus jemals Probleme mit undemokratischen Machthabern, solange sie die Doktrinen eines offenen Welthandels mit Vorteilen für die westliche Welt umgesetzt haben? Hat irgendjemand wirklich geglaubt, dass es bei all unseren militärischen Abenteuern der letzten Jahre tatsächlich um Werte wie Demokratie und Freiheit ging? Natürlich nicht und in der Logik der ersten Welt sind Diktatoren im Endeffekt ja auch furchtbar praktisch, denn schließlich muss man sich dann nur noch mit einem, nämlich dem Diktator gut stellen und nicht eine ganze Bevölkerung überzeugen. Ach und wie schön wäre es, wenn auch hierzulande konsequent durchregiert werden könnte und Sparbeschlüsse, Steuererhöhungen, Sozialleistungskürzungen, Freihandelsabkommen einfach so beschlossen werden könnten, ohne ständig das nervige Volk befragen zu müssen. Oder in Griechenland, Spanien und Italien? Hier müssen die Regierenden ja immerzu mit dem Protest der Masse rechnen. Hier müssen sie mit Argumenten um die Zustimmung der Bevölkerung kämpfen, müssen auf die Bürgerinnen und Bürger eingehen und in einem langen ermüdenden Demokratieprozess gemeinsam um die beste Lösung ringen!—Was unterscheidet uns eigentlich von der Türkei?

Als ich heute in meinem Briefkasten die neue SPEX entdecken durfte, lautete eine der Überschriften: „Istanbul—die ignorierte Revolution“. Ich habe den Artikel noch gar nicht gelesen, aber instinktiv habe ich mich gefragt, welche Revolution eigentlich nicht ignoriert wird? Welche Proteste gehen denn in unserer turbomedialen Welt nicht unter? Welche Widerstände werden denn überhaupt wahrgenommen? Was haben die Demonstrationen gegen den G8-Gipfel gebracht? Die Massenkundgebungen in Griechenland? Die massenhafte Abwanderung spanischer Jugendlicher ins Ausland? Der mittlerweile einjährige Protest von Flüchtlingen in deutschen Großstädten gegen Lagerpflicht, Residenzpflicht und Abschiebungen? Nicht nur in Ankara und Istanbul werden Revolutionen ignoriert! Weltweit legen die Regierenden eine Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen der Menschen an den Tag, zu Recht, denn immer haben sie die gleiche selbstsichere Begründung parat: Eine Mehrheit der Bevölkerung habe sie doch gewählt! Lupenreine Demokraten allüberall, sei es in der Türkei, wo Erdogans AKP über eine absolute Mehrheit verfügt, sei es in Russland oder den EU-Staaten, wo es ohnehin egal ist, wer an die Macht kommt, weil sowieso alle dasselbe machen, ganz egal wen man wählt—oder macht es ernsthaft, wirklich ernsthaft einen Unterschied, ob im Herbst Frau Merkel oder Herr Steinbrück eine große Koalition anführen werden?

In der SPEX selbst war im Editorial ein weiterer interessanter Gedanke geschrieben. Unter der Überschrift „Wir sind überflüssig“, schreibt Chefredakteur Torsten Groß, dass er angesichts der Ereignisse in der Türkei das Gefühl habe, dass die Erstellung einer Musikzeitschrift, mit all ihren Schwierigkeiten doch ein relativ „überflüssiges“ Geschäft sei, in einer Welt, in der viel Wichtigeres und Elementareres passiere. Damit mag er Recht haben, wenn auch ein wenig Koketterie in seine Worten mitschwingt, trotz allem bekommen die Worte „wir sind überflüssig“ angesichts der oben beschriebenen Sinnlosigkeit sämtlicher Protestbewegungen, noch eine ganz andere Bedeutung. Könnte man auch hier nicht in Versuchung geraten, sich „überflüssig“ zu fühlen? Genauso, wie sich Menschen „überflüssig“ fühlen, die für den modernen Arbeitsmarkt nicht mehr verwertbar sind, weil sie nicht spritzig, nicht innovativ und nicht flexibel genug sind? Leute, deren bloße Existenz irritiert, weil sie zu alt, zu jung, zu hässlich, zu fremd, zu dumm oder einfach auch nur zu uncool sind? Bürgerinnen und Bürger, die sich „überflüssig“ fühlen, weil ihre Meinung nicht interessiert, weil sie nie auch nur in die Nähe von etwas kommen, wo sie ihre Meinung zum Ausdruck bringen könnten, außer alle vier Jahre mal in einem Klassenzimmer der örtlichen Grundschule, hinter einem grauen Vorhang.

Doch genauso wenig, wie diese Menschen tatsächlich überflüssig sind, wenn man sie von einem menschlichen Standpunkt aus betrachtet, genauso wenig sind die Proteste gegen ein unmenschliches und menschenverachtendes Menschenbild überflüssig. Und genauso wenig, wie der Widerstand in der Türkei aus dem nichts kam, genauso wenig wird er sich in Luft auflösen, egal ob es nun still geworden ist und zuletzt auch der #standingman verschwinden und die EU zur Tagesordnung übergehen wird.

Die einzige Aufgabe, mit der wir dann beweisen können, dass wir ganz und gar nicht „überflüssig“ sind, besteht darin, dass wir nicht vergessen. Denn auch nach dem Abflauen der massenhaften Proteste wird es Menschen geben, die gegen die autoritäre und reaktionäre Politik der türkischen Islamisten ankämpfen und Unterstützung und Solidarität benötigen. Anwälte, Politiker, Journalisten und nicht zuletzt auch Künstler. Die linksradikale Band Grup Yorum kämpft seit dreißig Jahren gegen die faschistoiden Tendenzen in ihrem Land. Mit dem Vorwurf, stalinistisch zu sein und einer terroristischen Vereinigung anzugehören, werden ihre Mitglieder regelmäßig verhaftet, misshandelt und anderweitig schikaniert und trotzdem kommen bis zu 500.000 Menschen zu ihren Konzerten. Daran zu denken und darauf zu bestehen, dass niemand überflüssig sein darf—das macht uns alles andere als überflüssig.

In der Zwischenzeit können wie noch ein bisschen Grup Yorum hören oder Zülfü Livaneli, denn revolutionäre Musik aus der Türkei ist nicht nur revolutionär sondern auch noch wunderschön.

Grup Yorum: Taksim Direnişi İçin Söylüyor

Zülfü Livaneli: Dünyayı Guzellik Kurtaracak - Taksim Gezi Protestosu

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Marcus Staiger hat als Betreiber von Royal Bunker und Entdecker solcher Leute wie Kool Savas, Eko Fresh oder K.I.Z den Straßenrap in Deutschland etabliert. Sprich: Er hat Unmoral und Verrohung über Gesellschaft und Jugend gebracht. Um die Karmaleiter wieder ein Stück nach oben zu klettern, schreibt er ab sofort regelmäßig bei uns gegen die Unmoral und die Verrohung der Gesellschaft an.

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