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Eine filmwissenschaftliche Analyse von Fritz' Video zu „Thüringer Klöße“

von Ayke Süthoff

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Fritz' Superhit „Thüringer Klöße“ klickt sich bei YouTube gerade Richtung 2-Millionen-Marke und das ist wirklich kein Wunder. Denn neben den brutal eingängigen Melodien und dem äußerst volksnahen Thema, kann Fritz voller Stolz auf ein sehr professionell gedrehtes Musikvideo verweisen.

Aber was genau fasziniert uns und mehr als 1,3 Millionen weitere Menschen so am Video zu „Thüringer Klöße“? Ich habe mir Fritz' cineastisches Meisterwerk ungefähr 20-mal angeschaut, um es mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich habe ja nicht aus Spaß im Grundstudium ein ganzes Semester lang ein Seminar in Filmwissenschaften belegt.


Erste Szene: Schwenk über den Thüringer Rennsteig

Ich gehe mal davon aus, dass der heimatverbundene Fritz uns und der Welt mit dieser Einstellung zeigen will, wie schön sein Thüringen ist—was ihm auf Anhieb gelingt. Grau in grau liegt der Rennsteig da, wolkenverhangen und romantisch, genau so wie man sich Thüringen seit jeher vorstellt. Trotz des Schmuddelwetters blühende Landschaften wohin die Kamera schwenkt, wie man an dem geschmackvoll bepflanzten Blumenbeet sieht, das unbedingt mit ins Bild musste.


Zweite Szene: Fritz tritt aus den Büschen hervor

Auftritt des Stars. Der sympathische junge Mann kommt forschen Schrittes den Waldweg hinauf und erobert sofort die Herzen der Zuschauer. Für Klöße würde der Fritzi „meilenweit gehen“ und zwar in seinem feinsten Sonntagsoutfit: Anzughose und geschmackvolles weißes Hemd mit kurzen Ärmeln. Dazu die modische Frisur. Wer bis zu diesem Zeitpunkt noch dumme Ossi-Klischee-Sprüche auf Lager hatte, dem wird hier komplett der Wind aus den Segeln genommen. Was für ein Move.


Dritte Szene: Fritz isst mit Opi und Omi Klöße

Moment mal, Omi scheint ein wenig jung. Vielleicht ist es gar nicht Fritz‘ Omi, sondern seine Mutti? Und wer ist dann der ältere Herr? Opi? Vati? Oder gar beides?


Vierte Szene: Fritz besichtigt eine Burgruine

Spätestens seit ich Omas VHS-Sammlung von Kein schöner Land mit Moderatorenlegende Günter Wewel geerbt habe, weiß ich, wie wichtig regionale Sehenswürdigkeiten im Kontext deutscher Volksmusik sind. Fritz kann also nicht anders, als eine örtliche Burgruine zu besteigen, um seinen Millionen Fans Lust auf einen Urlaub in Thüringen zu machen. Also, ich hab Bock.


Fünfte Szene: Fritz steht auf der Ruine und blickt fasziniert auf sein Land hinunter

Natürlich hat Fritz diesen Ausblick schon häufig genossen. Aber an diesem wolkenverhangenen Tag ist die Thüringer Mittelgebirgslandschaft gleich doppelt faszinierend. Und wer so heimatverbunden ist wie Fritz, der besteigt regelmäßig den Aussichtsturm.


Sechste Szene: Fritz studiert das Kloß-Angebot

Ja, die besten Klöße gibt es hier. Besser als Döner und Pizza. Sie sind soooo groß.


Siebte Szene: Fritz studiert mit Omi/Mutti und Opi/Vati die Karte

Hier versteckt sich ein klitze-kleiner logischer Fehler: Haben die drei nicht vorhin schon gegessen? Warum suchen sie sich jetzt nochmal etwas aus? Sind sie etwa nicht satt geworden, obwohl die Klöße sooo groß sind? Außerdem hat sich Fritzi doch längst für seine Lieblingsmahlzeit entschieden, da braucht er doch keine Speisekarte.


Achte Szene: Jetzt besteigen auch Omi/Mutti und Opi/Vati die Ruine

Na klar, der Andrang am mittelalterlichen Turm ist hoch, kein Thüringer, der bei dem schönen Wetter nicht auf seine Heimat hinabblicken möchte. Auch Opi und Mutti besteigen also Hand in Hand die Sehenswürdigkeit. Da entdecken sie unseren Musikanten: „Ach sieh mal, da ist ja der Fritzi“, lange nicht gesehen, winke, winke, „Hallo Fritzi!“


Neunte Szene: Blick von oben herab auf ICE-Neubaustrecke Erfurt-Halle/Leipzig

Fritz zeigt mit diesem Ausblick, wie sich Zukunft und Tradition in Thüringen ergänzen. „Ach, hier werden also unsere schönen Steuergelder versenkt“, denkt sich der geübte Besser-Wessi bei dieser Einstellung sofort und vergisst, dass die Neubaustrecke Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Schiene Nr. 8.2 zwischen Erfurt und Halle/Leipzig Teil des Gesamtprojekts VDE 8 ist, der Hochgeschwindigkeitsachse München-Berlin. An Fritz' Heimat rauscht der Zug also mit Höchstgeschwindigkeit vorbei. Außerdem ist die Strecke mit Gesamtkosten von gerade einmal 2,7 Milliarden Euro ein absolutes Schnäppchen. In Stuttgart träumt man von so effizienten Bahnprojekten.

Zehnte und letzte Szene: Fritz und seine Verwandten verlassen das Gasthaus

Da tritt er aus der Gasthof, gesättigt und zufrieden und winkt ein letztes Mal fröhlich in die Kamera, bevor er sich mit seiner Familie ins schön Thüringen entfernt. Happy End.

 

Ayke hat tatsächlich mal ein Seminar in Filmwissenschaften besucht. Thema: Kriminalfilme in der BRD und der DDR. Sein umfangreiches Filmwissen teilt er mit euch bei Twitter: @tamidemusic

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