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Alles, nur nicht Scheitern mit Feine Sahne Fischfilet

von Andreas Richter

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Foto: Christoph Voy

Was in staatlichen Behörden tagein tagaus passiert, überfordert unter Umständen den Eifer jedes Ermittlungsausschusses und sprengt sowieso die Vorstellungskraft eines normalen menschlichen Gehirns. Manchmal aber sorgt es rein zufällig für interessante Nebeneffekte. Eine Albumpromotion beispielsweise, wie sie für kein Geld der Welt zu kaufen ist. Jeder dürfte die Geschichte von Feine Sahne Fischfilet und ihrem neuen Album Scheitern und Verstehen mittlerweile kennen. Der Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommerns beschäftigte sich ausführlicher mit ihnen als jeder Bandbio-Schreiber, es gab gut Presse, einen beachtlichen Abverkauf des Albums und derzeit jede Menge Bookings und als Dank revanchierte man sich bei der Behörde mit einem Präsentkorb. Klingt erstmal ganz kurios und nach einer sensationellen Anekdote, die man zwischen zwei Sterni-Rülpsern unterbringen kann. Wenn man länger darüber nachdenkt, erscheint die Situation der Band allerdings nicht mehr so lustig. Der Verfassungsschutzeintrag liefert im wahrsten Sinn des Wortes ein Totschlagargument für Nazis und andere reaktionäre Trottel, um Auftritte der Band zu verhindern. Momentan läuft eine rechte Facebook-Aktion mit dem Ziel, das neue Feine-Sahne-Album aus dem Sortiment einiger Elektromärkte in Mecklenburg-Vorpommern entfernen zu lassen.
Über diese Situation und andere, die bei einer sich nicht versteckenden und politisch eindeutig positionierenden Band zum Alltag gehören, sprachen wir unter anderem mit Sänger Monchi vor ihrem letzten Auftritt in Berlin.

Noisey: Ihr habt ein T-Shirt, auf dem „Mecklenburg Vorpommerns gefährlichste Band“ geschrieben steht. Ihr seid da schon ein bisschen stolz drauf, oder?
Monchi: Na, wir nehmen es eher mit Humor. Wir vergessen aber auch nicht, dass dieser Verfassungsschutzeintrag etwas Krasses ist. Wenn wir jetzt die ganze Zeit deswegen traurig drein schauen würden, dann würde ja aufgehen, was die sich eigentlich wünschen. Das ist ja das gleiche wie wenn wir Stress mit Nazis haben und dann sagen, wir hören lieber auf mit der Band. Das wäre genau die falsche Konsequenz. Das ist ja eher so eine Sache, bei der die sich den Arsch abärgern. Dass wir dann auch noch ein Shirt haben, auf dem das drauf steht. Und wenn wir uns dann beim Verfassungsschutz mit einem Präsentkorb bedanken, dann ist das erstmal lustig, aber da steckt ja auch eine Form von Kritik drin. Es ist ja so, dass immer wieder versucht wird, antifaschistische und antirassistische Projekte auf diese Art und Weise zu kriminalisieren. Unseren Humor lassen wir uns deshalb jedoch trotzdem nicht nehmen.

War denen überhaupt klar, was da los ist, als ihr mit dem Präsentkorb vor ihnen standet? Welchen Symbolcharakter die Aktion hat?
Monchi:
Die waren schon etwas überfordert. Wir hatten da mit dem Pressesprecher des Innenministeriums zu tun. Die waren etwas überrumpelt. Aber dadurch klappen dann solche Sachen einfach. Wenn man einfach hingeht und das macht und das nicht 50 Mal vorher durchquatscht. Ist ja auch extrem gut gelaufen. Dass er dann noch anfängt, von seiner Tochter zu erzählen, die Fan der Band ist, haha.

Ihr sagt, ihr nehmt das mit Humor, reflektiert aber gleichzeitig die Bedeutung der Situation. Welche Auswirkungen hat denn die Beobachtung durch den Verfassungsschutz konkret auf den Bandalltag?
Monchi:
Dass die Cops auf uns heiß sind und uns Scheiße finden, das ist ja nichts Neues. Da passieren auch regelmäßig kleinere Sachen. Aber klar nehmen wir das auch ernst. Wir quatschen zum Beispiel auch mit befreundeten Anwälten und gucken, ob wir was dagegen machen können. Man muss ja auch sehen, dass irgendwelche konservative Spinner leichteres Spiel haben, wenn sie sagen, da spielen diese Extremisten im städtischen Jugendclub und dann ist es wahrscheinlich, dass diese Konzerte abgesagt werden. Das ist uns jetzt auch schon einmal passiert. Jetzt finden das alle lustig und es macht die Runde, aber in nem halben Jahr stehen wir ja dann trotzdem immer noch im Verfassungsschutzbericht. Momentan hilft es uns natürlich, wir haben viele Konzertanfragen. Wichtig ist, weiter zu machen und zu gucken, was kommt. Wir haben mit der Band schon viele Hürden genommen und trotzdem weiter gemacht. Es ist wichtig, in der Band miteinander zu reden und Lösungen zu finden, wenn irgendwelche Scheiße passiert. Es wäre blöd, wenn irgendwann jemand in der Band sagt, ich hab da kein Bock mehr drauf, das ist mir zu viel Stress. Die Band gibt es jetzt seit fünf, sechs Jahren und es kam immer wieder zu Repressionen, ob von Nazis oder von staatlicher Seite. Man muss bewusst damit umgehen, man darf aber auch nicht verkrampfen.

Das Neueste ist gerade, dass die Nazis einen Aufruf herumschicken, in denen sie dazu aufrufen, dass ihre Leute sich alle bei den Media Märkten etc. melden sollen und Druck machen sollen, dass die unser Album aus dem Sortiment nehmen. In einigen Läden ging es wohl auch schon auf.

Wenn es um Anfeindungen von Nazis geht – wie geht ihr zum Beispiel mit Angst um?
Monchi:
Oft verdrängen, aber gut ist es auch, drüber zu quatschen. Angst nutzt sich mit der Zeit auch ab. Wenn wir vor unserer Releaseparty in Demmin Mails von Nazis bekommen haben, wir machen euch platt, wir schlagen euch tot, dann ist das natürlich Scheiße, aber dann geht nicht jedes Mal die Welt unter. Wenn das jedes Mal so wäre, dann sollten wir etwas anderes als diese Band machen. Wir wissen ja, wo wir herkommen. Wir verstehen uns einfach als antifaschistische Band, wir haben keinen Bock auf Nazis und dann wissen wir, dass wir so was auch in Kauf nehmen müssen. Es ist gut, da einen Mittelweg zu finden, man darf die Angst auch nicht verlieren. Dann wird man auch schnell leichtsinnig und schätzt Situationen falsch ein. Es ist schon wichtig, dass Freunde von uns Schutz machen, wenn wir in Mecklenburg-Vorpommern spielen und halt schauen was los ist. Und los ist oft genug was. Sei es, dass Leute, die zu unseren Konzerten gehen, angegriffen werden oder wir werden im Bandbus angegriffen.

Wie oft passiert so was?
Monchi: Es gab eigentlich kein Jahr, in dem es keine Übergriffe gab. Andererseits ist es auch nicht so, dass das bei jedem Konzert passiert. Aber es begleitet einen. Für andere Bands wäre es sicher komisch, wenn nicht alle vom gleichen Ort losfahren. Oder wenn man eine Releaseparty plant und ein ganz wichtiger Punkt ist, wer Schutz macht und wie das organisiert wird, dass die Leute wieder cool zum Zug kommen. Vor zwei, drei Wochen wurde einer unserer Trompeter wieder in der Stadt verfolgt. Der saß da nur in nem Café in der Innenstadt, dann kommen halt Nazis, die rufen ihre Leute an, dann sind da auf einmal mehr Nazis und er muss zusehen, dass er schnell wegkommt, weil er nun mal nicht 140 Kilo wiegt, so wie ich, haha. Obwohl ich mich nicht in irgendeiner Nazistadt in Vorpommern mal ebenso ins Café setzen würde.

Aber so weit ist es dann tatsächlich, dass ihr euch nicht frei bewegen könnt?
Monchi:
Es gibt so Szenekieze, zum Beispiel in Rostock, da kannst du cool leben. Wenn ich da Leute aus Berlin zu Besuch habe und die geschockt sind, weil sie da drei Leute in Naziklamotten gesehen haben, dann sage ich: was wollt ihr denn, heute war doch gar nichts los. Es sind natürlich andere Relationen. Aber es gibt schon Regionen, wo ich nicht einfach mal alleine rumschlendern würde. Die Nazis haben mehrere tausend Aufkleber verteilt, auf denen ich mit gespaltenem Kopf zu sehen bin. Das ist Scheiße, aber damit muss ich eben umgehen. Und meine Art damit umzugehen, ist, dass ich mich nun mal nicht alleine in Anklam ins Café setzen würde. Da würde es dann auf jeden Fall auf die Fresse für mich geben.

Also Vermeidungstaktik?
Monchi:
Klar. Wir machen ja auch nicht auf irgendwelche harten Prolls, die 24/7 Bock auf Stress haben. Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine Sache Wirkung zeigt, nämlich, dass die Nazis wissen, dass wir uns nicht in die Opferrolle fügen und auch agieren können. Das kommt aber auch immer auf die Situation an. Wenn ich, wie vor zwei Wochen, jemanden in nem T-Shirt sehe, auf dem die Euthanasie abgefeiert wird, dann quatsche ich den auch voll und zeig ihm, dass ich Nichts für ihn habe, außer meine Verachtung!

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