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Maximilian Hecker erträgt die eigene Kleinheit nicht

By Ayke Süthoff

Du versteckst dich häufig hinter einer Schutzwand aus Sarkasmus.
Meinst du Sarkasmus auf der Bühne oder generell?

Sowohl auf der Bühne als beispielsweise auch in Interviews.
Bin ich heute schon sehr sarkastisch gewesen?

Nein gar nicht.
Aber du hast Recht. Ich reagiere oft mit Sarkasmus, um Herr der Lage zu werden. Auf die Art werte ich die Situation ab, ich werte mich ab, vielleicht auch das Publikum oder den Journalisten mir gegenüber. Auf diese Art bringe ich uns alle ins Abseits, damit ich keiner Norm mehr gerecht werden muss. Ich kann nicht funktionieren, wenn ich in eine Norm reinpassen muss. Deshalb habe ich auch solche Schwierigkeiten im Studio. Ich muss die Situation brechen, bevor ich funktionieren kann. Bei einer Tournee 2009 hatte ich beim ersten Stück eine Elvis-Gummimaske auf und habe „Mr. Tambourine Man“ von Bob Dylan gespielt, weil ich sofort eine Erwartungshaltung brechen wollte, um mich dann frei fühlen zu können.

Wie funktioniert das?
Wenn das Publikum da sitzt und wartet, dass es losgeht, ist es in diesem Moment mächtiger als ich. Ich bin machtlos, solange, bis ich Macht gezeigt habe und das Publikum bezwungen habe. Wenn ich aber das Publikum verarsche, bevor es überhaupt eine Erwartungshaltung aufbauen kann, bin ich schon von Anfang an in der Hierarchie über dem Publikum. Das ist sehr wichtig für mich, um gut zu performen.

Apropos Erwartungshaltung—du hast dein letztes Album bewusst I‘m Nothing But Emotion ... bewusst unprofessionell eingespielt und unbearbeitet veröffentlicht. Dein neues Album Mirage of Bliss ist das absolute Gegenteil davon.
Dabei habe ich sogar noch weniger professionell angefangen, denn ich habe alle Demos mit einem Diktiergerät eingespielt. Und dann habe ich mich gefragt, was ich damit nun anfangen soll. Mache ich wieder das gleiche wie beim letzten Mal oder gehe ich noch weiter und bringe einfach die Diktaphon-Aufnahmen raus? Und dann riet mir mein Asienmanager einfach als Experiment namhafte Produzenten anzuschreiben.

Das hast du vorher noch nie gemacht?
Nein. Ich dachte immer, da wird nie was draus. Aber wir haben dann fünf bis acht Produzenten angeschrieben, drei bis vier haben sich sofort zurückgemeldet und am interessiertesten war Youth. Wir haben telefoniert und eine Treffen in London vereinbart. Mir war nur wichtig, dass er mir sympathisch ist, nicht, welche Vision er hat. Ich dachte, er weiß schon, was er macht. Wenn er Urban Hymns produziert hat, brauche ich ihn nicht damit zu löchern, was er nun bei mir vorhat. Und wir waren uns dann auf Anhieb sympathisch, auch wenn er charakterlich das Gegenteil von mir ist. Er ist ein sehr in sich ruhender, entspannter, hippiesker Engländer, der total in der Gegenwart lebt.

Also weder Stock im Arsch, noch Hummeln.
Genau. Ich dagegen bin der nervöse, pragmatische Deutsche, der immer sehr viel planen will. Aber er hat es immer geschafft, mich zu überzeugen, dass wir nichts planen. Es hat tatsächlich funktioniert. Zum Beispiel musste ich zwei bis drei Bridges für einige Lieder schreiben und da er mir nicht sagen wollte, für welche Lieder die waren, konnte ich mich nicht darauf vorbereiten. Und trotzdem habe ich es dann irgendwie geschafft, innerhalb von fünf Minuten eine Bridge zu schreiben, die dann auch in den Song passte und ansprechend war. Seine Arbeitsweise ist so gewesen, dass wir ganz schnell arbeiteten. Damit bei mir gar nicht erst die Versagensängste kommen konnten. Ich hatte immer nur zwei, drei Takes pro Instrument. Ich saß dann immer da: ,Ich dachte, dass wäre nur die Probe, kann ich nicht noch einmal?‘ und war immer ein Häufchen Elend und er war immer locker, hatte die Füße auf dem Mischpult und sagte: ,Great, fun, next take, next take.‘

Also hat er es geschafft, die Erwartungshaltung gleich gering zu halten.
Er hat es versucht, aber es hat nicht immer funktioniert. Im Großen und Ganzen war die Studiozeit für mich natürlich furchtbar.

Du schreibst in deinem Buch, dass du oft das Gefühl hast, europäische Journalisten würden dich nicht ernst nehmen.
Ja, das habe ich häufiger erlebt. Auf keinen Fall alle, aber ich habe häufig gespürt, dass man sich provoziert gefühlt hat.

Wovon?
Das habe ich nie rausfinden können, leider. Ich glaube, weil sie denken, ich mache das als Masche, damit mir jemand über den Kopf streichelt. Oder um Frauen abzukriegen. Klar kann das einen aggressiv machen, wenn man das glaubt. Wenn man als Mann, der sich männlich fühlt, behaupten würde, ,Ich bin James-Blunt-Fan‘, dann würde man als uncool gelten. Oder man setzt es ein, um gerade als cool zu wirken, so ,scheiße geil‘ oder so. So eine völlig freie Äußerung über den eigenen Musikgeschmack, ohne Sorge, dass man dadurch seine Peergroup verliert, gibt es in unserer abgefuckten Medienkultur nicht. In Asien hab ich dagegen erlebt, dass genau das funktioniert. Da wird nicht überlegt, wie cool oder uncool ein Musiker einzuordnen ist. In den Zeitschriften hast du Iggy Pop neben Dido, neben Maximilian Hecker, neben Bob Dylan. Das ist eigentlich ein Ideal. Die Kunst ist es, nicht zu sagen, der ist so und der ist so und der ist noch besser, sondern alle sind gleich. Weil ja auch alle das gleiche machen, nämlich singen. Dieses verkrampfte Hinterfragen und Einordnen gibt es in Asien nicht und deshalb werde ich da auch scheinbar leichter geliebt.

Wieso hast du trotzdem solche Probleme, diese asiatische Liebe zu akzeptieren?
Ich spüre oft Mitleid den Leuten gegenüber. Wenn da ein augenscheinlich junger und begeisterter Fan vor mir steht, dann habe ich Mitleid, weil ich denke, ,Du findest jemanden toll, der eigentlich nicht toll ist‘. Und dann habe ich Mitleid mit deren Fehleinschätzung. So lange jemand mich nicht kennengelernt hat, kann ich nicht akzeptieren, dass er mich gut oder schlecht findet. Ich kann nicht geliebt werden für nichts. Ich kann diese Bewunderung akzeptieren, wenn ich weiß, dass sie mir gilt und nicht einer Projektion.

Konntest du deinen Ruhm jemals genießen?
Ja ich konnte es mal genießen, aber nicht häufig.

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Maximilian Heckers autobiographisches Buch The Rise and Fall of Maximilian Hecker ist im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen.

Das neue Album Mirage of Bliss ist bei Blue Soldier Records / Rough Trade erschienen.

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